Istanbul: Zwei Katzen und ein Mythos

haidarpaschabahnhof

Haidarpaschabahnhof in Kadikoi, Istanbul.

Im Haidarpaschabahnhof schliefen zwei Katzen auf dem Fensterbrett neben dem Eingang zum Restaurant Mythos. Sie selbst waren unbeschriftet. Die eine war grauweiss, die andere schwarz. Sie schliefen ineinander verschränkt und ihre Köpfe lagen leicht versetzt nebeneinander wie der Haidarpaschabahnhof und sein Bruder auf der europäischen Seite Istanbuls nebeneinanderliegen. Auf der europäischen Seite endete der Orientexpress von Paris nach Istanbul, auf der asiatischen Seite begann die Reise Richtung Ostanatolien, Bagdad oder Teheran. Vielleicht träumte a die eine Katze vom Mythos des Beginns, die andere von seinem Ende.

Doch sind Mythisierungen eher uns Menschen eigen. Der Bahnhof wie die Katzen lagen einfach da. So wie Istanbul auf zwei Kontinenten liegt. Das wussten die Griechen damals nicht, als sie Byzantion gründeten. Das Orakel in Delphi hatte befunden, dass Visas eine Stadt gegenüber von Blinden gründen solle. Und er hielt die Siedler von Chalkedon auf der asiatischen Seite, da wo der Haidarpaschabahnhof und die Katzen liegen, für blind, weil sie nicht erkannten, dass man die Halbinsel leicht gegenüber verteidigen und auf ihr die Meerenge kontrollieren konnte.

Seit seiner Gründung ist Istanbul ein Verbindungspunkt und Umschlagplatz von Waren. Schiffe und Karawanen zogen in die Stadt und luden ihr Gut in den berühmten Basaren ab. Mediterrane Genüsse und orientalische Düfte wechseln die Hand und Geschäfte wurden mit Zigaretten, Wasserpfeifen, Raki, Wein und später mit Kaffee und Tee besiegelt. Alles atmet den Duft der weiten Welt. Er streicht auch durch den schlafenden Haidarpaschabahnhof. Auch wenn nur die Pfauen auf den Mosaiken der Schalterhalle noch ihr Rad schlagen und die s-förmig geschwungenen Bänke vor den Schaltern sind blankpoliert und leer bleiben. Heute sieht man keine Karawanen mehr. Stattdessen schlagen Brücken Verbindungen zwischen Asien und Europa. Noch immer laufen ständig Fähren aus und ein. Statt Kamel- und Eselskarawanen kreuzen sich riesige Containerboote und Tanker. Ich sitze auf einer Bank am Hafen von Kadikoi und schaue nach Sultanahmet mit blauer Moschee und Hagya Sophia hinüber, deren Minarette wie Caran d’Aches den Himmel spitzen. Dort fliegen Flugzeuge Richtung Atatürk Flughafen und Möwen rudern kreuz und quer über das Blau, wenn sie nicht Fischerboote umkreisen. Der Fischer neben mir am Quai wirft seine Angelschnur mit einem Ffft-Geräusch ins Meer aus und spannt so einen weiteren Bogen. Die Fähren sind so gross, dass man immer meint, sie würden zu einer langen Reise aufbrechen und nicht nur von der einen auf die andere Seite pendeln, immerzu die Kontinente verbindend.

katzenmythosDas unaufhörliche Ein- und Ausfahren der Fähren, das Kreisen der Möwen und die Brücken, erübrigen jeden weiteren Kommentar zu Istanbul als Verbindungspunkt von Kontinenten, Religionen, Sitten und Gebräuchen. Hier kreuzen sich die Wege naturgegeben. Neu auch unterirdisch, per Metro. Doch hoffen wir, dass die Metro die Schiffe nie ersetzen wird. Damit die Verbindungen sichtbar bleiben und nicht in den Untergrund verdrängt werden. Oder einschlafen, wie am Bahnhof Haidarpascha. Er tront wie ein Schloss am Eingang zum Hafen von Kadikoi und ist doch in einem Dornröschenschlaf mit Katzen und einem Mythos versunken. Die beiden Katzen schlafen in solch verbindlicher Lage, dass ich mich frage, ob eine blind ist.