Wo Bäume aus Stein erblühen

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Kreuzstein aus dem Kloster Noravank.

Armenien ist ein steinreiches Land. Davon erzählt schon die Legende seiner Entstehung. Als Gott die Erde geschaffen hatte, blieben in seinem Lager Steine übrig. Dort, wo er sie niederfallen liess, entstand Armenien. Kein Wunder – oder eben doch – erblühen auf den kargen weiten Ebenen des armenischen Hochlandes selbst Bäume aus Stein. Auf rechteckigen, bis drei Meter hohen Stelen, treiben aus ornamentalen Kreuzen Knospen und Blätter hervor.

Die Stelen werden Kreuzsteine, „Chatschkhar“ genannt. Ihre nach Westen ausgerichtete Vorderseite zeigt zwar das christliche Kreuz, aber vegetabile und geometrische Ornamente verwandeln das tote Holz in einen Lebensbaum und geben so der christlichen Hoffnung auf ewiges Leben Ausdruck.

Tausende von Kreuzsteinen stehen um Kirchen, auf Friedhöfen, aber auch an Strassen und Flüssen, in Felswände gemeisselt, auf Hügeln oder in Städten. Gut sichtbar und jedem zugänglich markieren sie armenischen Boden als christliches Territorium und verkünden die christliche Botschaft des lebendigen Kreuzes.

Kreuzsteine meisseln christliche Hoffnung in Stein. Und Lebensbäume erlangen im weitgehend baumlosen Nomadenland der armenischen Hochebenen eine nochmals grössere Bedeutung. Ähnlich wie sich im Herbst hier Ortschaften als grüne Oasen vom Steppengelb und dunkler Vulkanerde abheben verkörpert jeder Kreuzstein, zu allen Jahreszeiten, ein kleines Paradies – auf grüner Frühlingserde, auf verbranntem Sommerboden, auf kaltem Schnee.

Schon die Vorläufer der Kreuzsteine, vierseitige Stelen aus dem vierten und fünften Jahrhundert, zeigen Kreuze, deren vier Enden in Knospen oder dynamische Spitzen enden, die dem Kreuz seine Starrheit nehmen. Palmblätter schwingen sich von seiner Basis wie Flügel zu beiden Seiten des Stamms zu den Kreuzarmen empor und Trauben hängen zu beiden Seiten vom oberen Ende des Kreuzes hinunter. Palmen und Trauben als Symbol für den Garten Eden und den Weinberg Gottes. Das verstand jeder in einer weitgehend agrarischen Gesellschaft. Und prägnanter kann eine karge Landschaft mit Oasen kaum in Stein gefasst werden. Das macht Kreuzsteine zu einem Symbol des Landes und Armenier erzählten mir, wann immer sie auf der Welt Kreuzsteine sähen, werde Heimat lebendig.

 

Stehende Steine

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Steinreihen in Karahunc.

Armenien besitzt eine jahrtausendealte Kultur und streitet sich gerne mit seinem nächsten christlichen Nachbarn Georgien, wer zuerst was erfunden hatte, allem voran den Wein. Armenien verweist auf Noah als ersten Weinbauern nach der Sintflut und hat in der Gegend von Areni Überreste eines 6000 Jahre alten Weinkellers mit Trink- und Vorratsgefässen und Traubenresten sowie einen 5500 Jahre alten Schuh gefunden. Georgien verweist dagegen auf bis 8000 Jahre alte Fundstellen von Substanzen an der Grenze zu Armenien, die den Nachweis der Weinherstellung ermöglichen. Zudem liegt der Fundort mit den ältesten Knochen der „kaukasischen“ Rasse auf dem Territorium des heutigen Georgiens, so dass georgische Nationalisten ihr Land stolz zum Ursprung Europas erklären. Aber Armenien bezeichnet die Gegend der Wein- wie Knochenfunde im Historischen Museum in Yerewan lakonisch als „armenisches Hochland“. Der Streit um die ersten Menschen und das erste Mal ist müssig. In jener Zeit gab es noch keine nationalen Grenzen und Armenien wie Georgien liegen im Umkreis des fruchtbaren Halbmonds und waren Teil der ersten Hochkulturen und der Sesshaftwerdung der Menschheit.

Leider interessieren sich die armenischen Archäologen wie ihre westlichen europäischen Kollegen kaum für die zahlreichen prähistorischen Steinsetzungen seit dem dritten Jahrtausend vor Christus. Dabei bilden Megaltihe, Steinreihen und Steinkreise die Ahnen, sozusagen die Abrahams, der Kreuzsteine. Aus dem zweiten Jahrtausend sind sogenannte Vischaps, Drachensteine, bekannt. Sie standen neben Quellen und stellten Fruchtbarkeitsgottheiten dar. Solche Drachensteine wurden im ersten Jahrtausend vor Christus teilweise mit urartäischen Keilinschriften versehen, die an wichtige Ereignisse wie Siege und Gründungen erinnerten. In Armenien wurden über Jahrtausende kontinuierlich Steine aufgestellt und teilweise als Kreuzsteine wiederverwendet. Das macht ihre grosse Bedeutung augenscheinlich. Menschen stellten in einem Kraftakt Steine auf, um in ihnen Gottheiten, wichtige Persönlichkeiten oder Ereignisse zu verewigen, ihnen Gewicht zu geben und sie lebendig bleiben zu lassen. Ein liegender Stein ist tot, kraftlos, ein stehender strahlt Kraft aus. Im Mittelalter wurden Kreuzsteine mit Wein oder Granatapfelsaft begossen, um ihnen Leben einzuhauchen.

 

Ausgeliehen

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Detail des Kreuzsteins von Noravank.

Die ersten Kreuzsteine tauchten mit der schwächer werdenden arabischen Herrschaft im neunten Jahrhundert nach Christus auf. Sie zeigen Kreuze, die sich von einem unverzierten flachen Grund abhoben. Während ihrer Blütezeit ab dem zwölften Jahrhundert wurde der Grund mehr und mehr mit floralen und geometrischen Ornamenten überzogen, so dass sich Kreuze, Palmetten und abstrakt gewordene Trauben zu einem nicht auflösbaren Teppich verbanden. Wäre da nicht das Kreuz in der Mitte, man wähnte sich vor der Kalligrafie einer Koranseite.

Wir fragten Professor Hamlet Petrosyan, dem wir alle wichtigen Informationen über Kreuzsteine verdanken, ob diese offensichtliche Nähe zu islamischer Ornamentik, die übrigens auch an Kirchen überall ins Auge springt, tatsächlich damit zusammenhänge, dass sich das christliche Armenien mit der Angleichung an islamische Muster vor der Zerstörung ihrer Kirchen und Kreuzsteine zu schützen verhoffte, wie das viele einheimische Führer erzählen. Natürlich möge dies auch eine Rolle gespielt haben, aber er glaube, es handle sich dabei vielmehr um eine ästhetische Wahl, was er mit einem Vergleich verdeutlicht. Weitaus die meisten Armenier trügen heutzutage westliche Kleidung, einfach weil es ihrem Geschmack entspricht. Ein Blick in die Miniaturmalerei zeige, dass in vorigen Jahrhunderten Könige durchwegs einen persischen Kleidungsstil pflegten, und das wohl kaum, um sich vor den Persern zu schützen, denen sie sowieso untertan waren. Die armenische Kultur sei „rich in borrowing“. Aber das gäben gewisse Wissenschaftler nicht gerne zu. Denn – wenn alles ausgeliehen ist – was bleibt dann eigen?

Viel wichtiger als Schutz vor feindlichen Nachbarn war auch die Entscheidung der armenischen Kirche im siebten Jahrhundert, dem Zeichen statt dem Bild den Vorrang zu geben. Damit schufen armenische Theologen auch eine Balance zwischen westlichen anthropomorphen und abstrakten islamischen Gottesvorstellung eines unfassbaren Gottes. Gott erscheint den Armeniern seither im Zeichen eines Kreuzes, das sich mit islamischer Kalligrafie verbindet. Während sich die Nachbarn über Jahrhunderte bekriegten, nähern sie sich in der Kunst so stark, als gäbe es, zumindest in der Kunst, nur einen Gott, der zeichenhaft umschrieben werden kann mit einem Kreuz, das zugleich Geometrie und Kalligrafie – Schrift ist.

 

Stehende Geschichte

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Kreuzstein in Yerewan.

Kein Kreuzstein ist mit einem anderen identisch. Jeder ist ein Individuum, so individuell wie die Ereignisse, Hoffnungen und Erinnerungen, die mit der Setzung von Kreuzsteinen verbunden sind. In Kreuzsteinen ist armenische Geschichte eingraviert. Im Mittelalter wurden Kreuzsteine zu Grabsteinen und zeigen, wenn auch selten, private Ereignisse, Kriege, Feiern und sie beklagen Tote. Wer einem Heiligen einen Kreuzstein verehrte, ersuchte dessen Schutz. Mochten die individuellen Gründe der Steinsetzungen mit der Zeit in Vergessenheit geraten, so wurden sie durch andere überlagert. Kreuzsteine wurden zu Pilgerzielen bei gewissen Krankheiten oder bannten Ängste. Ihre offensichtlichste Funktion verloren sie nie. Sie markieren armenischen Boden als einen christlichen und verschränkten sich mit den in ihnen verwobenen Geschichten zu einem Symbol armenischer Identität. Mehr verehrt wird in Armenien nur noch die Schrift als Gedächtnis des Volkes. In Yerewan bildet das Matenadaran, Bibliothek und Museum, sozusagen den Tempel der armenischen Nation. Das Gebäude steht auf einem Hügel und bildet den Abschluss des Hauptboulevards. Vor ihm wachen die Erfinder der armenischen Schrift wie Apostel. Über dem Gebäude wacht die Mutter Armeniens mit dem Schwert. Rund zehntausend alte Schriften werden im Matenadaran aufbewahrt und teilweise ausgestellt.

Armenien war im Laufe der Geschichte immer wieder ein Auswanderungsland. Kreuzsteine begleiteten die Auswanderer und wurden in kriegerische Konflikte miteinbezogen. Im Jahre 2006 zerstörten aserbaidschanische Truppen den grössten Friedhof mit Kreuzsteinen in Dschulfa, das in der aserbeidschanischen Exklave Nachiteschwan an der Grenze zum Iran liegt. Diese Zerstörung wurde mit der Zerstörung der Buddhastatuen in Bamyan verglichen.

Seither werden in vielen Städten Kopien der Dschulfasteine hergestellt. Sie zieren den Park neben dem Republikplatz in Yerewan wie die Parkanlage hinter der Erlöserkirche in Gjumri, der zweitgrössten Stadt des Landes. Professor Petrosyan spricht von derzeit siebzig Meistern, die teilweise moderne Versionen von Kreuzsteinen herstellen. Bei einem in Yerewan entdeckten Exemplar bricht der Stamm des Kreuzes den rechteckigen oberen Abschluss auf, um einen dreiteiligen Austrieb in den Himmel aufbrechen zu lassen.