Wie ein Spiel – Der Lochstein

dsc01302Ich schlüpfte durch einen Lochstein, der alle Sünden abstreift. Nicht dass ich dies direkt gespürt hätte. Beim Durchschlüpfen hatte ich nicht mal daran gedacht. Ich war vollauf damit beschäftigt, mich durch sein Loch hindurch zu pressen. Mit den Armen voran, wie bei einem Köpfler. Statt einzutauchen, erscheine ich auf seiner Vorderseite, suche mit den Armen halt und ziehe mich durch bis zur Hüfte. Dann helfen mir andere, so dass ich hinuntergleiten kann. Ohne ihre Hilfe geht es nicht, weil die Vorderseite glatt ist und die Beine bis fast zum Schluss im Loch stecken.

Der Lochstein, ein Felsbrocken von gut zwei Metern Höhe, steht in der Nähe von Gjumri beim Dorf Kazik, an einem Abhang zu einem kleinen Bach, der eine Mulde bildet. Kleine Bäume und Sträucher und typisch armenische Picknickhäuschen mit Tischen und Bänken zeigen, dass der Ort gern besucht wird. Den Weg zum Stein säumen mit frischen Taschentüchern, Kinderkleidern und Socken verzierte Wunschbäume. Oben bei der Zufahrt steht hinter einem kleinen Wäldchen eine etwas in den Boden eingelassene Kapelle, deren drei Räume mit modernen Heiligenbildchen geradezu übersät sind. Dass die Kapelle hinter hohen Bäumen verschwindet, ist auffällig. Es sieht aus, als würde sie sich gegen den Lochstein und die Wunschbäume abgrenzen. Denn hinter der Kapelle liegt offen der Steppenboden und die Sonne knallt an ihre Rückwand. Bäume gegen „heidnischen“ Zauber?

dsc01296Mein Wirt, Artusch, der zusammen mit seiner Frau Raissa ein Bed and Breakfast in Gjumri führt, weiss von seiner Grossmutter eine Legende um den Lochstein. Ein Mädchen aus besserer Familie liebte einen Hirten. Sie trafen sich manchmal, wenn das Mädchen Wasser holte und mochten sich sehr. Als das Mädchen seinen Eltern bekannt gab, dass sie den Hirten heiraten wollte, waren diese nicht einverstanden. Deshalb flohen die beiden und gründeten weitab eine Familie mit Kindern. Doch lastete auf der Familie ein Fluch der Grossmutter. Bei ihrer Flucht hatte sie prophezeit, dass die Kinder nichts hören und nicht reden können sollten. Dieser Fluch bewahrheitete sich, sodass die Eltern eines Tages beschlossen, einen Ort zu suchen, an dem die Kinder genesen würden. Sie wanderten lange und ihre Kräfte schwanden. Eines Nachts waren sie ermattet und dem Tode nahe. Da erschien ihnen ein Licht bei einem Bach und zeigte auf eine Öffnung. Mit letzten Kräften gingen sie dorthin und durch die Öffnung. Danach konnten die Kinder reden und alle beteten und dankten für die Rettung.

In einem zufällig in Yerewan gefundenen Buch las ich, dass kinderlose Frauen mit Kinderwunsch durch den Lochstein schlüpften und der Stein viele Krankheiten heilte. Es handelt sich offensichtlich um einen Stein, bei dem man sich vieles wünschen darf.

Trotz vieler Wunschbäume strahlte der Ort für mich keine Heiligkeit aus. Mag sein, dass es daran lag, dass ich ihn nicht allein erkunden konnte. Vielleicht lag es an der Mittagszeit mit der sengenden Sonne oder daran, dass die Herausforderung, durch den Stein zu schlüpfen, vor allem sportlicher Natur war, auch weil ich in der gebotenen Kürze kein Ritual daraus hätte machen können. Die Öffnung war auch nicht das sprichwörtliche Nadelöhr, durch das hindurchzukommen schwierig, wenn nicht fast unmöglich ist. Der Lochstein war eher wie ein Turngerät auf einem Kinderspielplatz, eine Schaukel etwa. Dazu da, Erfahrungen zu sammeln. Das war etwas anstrengend, aber machbar, das sah man, sobald man sich an die Aufgabe wagte. Deshalb mag ich den Stein. Er erfüllt den Wunsch nach machbarer Veränderung. Von einer Rückseite auf eine Vorderseite zu schlüpfen, durch eine Enge hindurchzukommen – so als bestände Veränderung in etwas Anstrengung und Spiel.