Barcelona: Ramblejar – Promenieren auf katalanisch

Über ein Bewegungsgefühl in Barcelonas Innenstadt

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Individuelles Sitzen auf der Plaça Reyal in Barcelona.


Mein Rollkoffer gibt in Barcelona den Ton an, obwohl ich ihn hinter mir herziehe: einen summenden Rollton. Kaum sind wir zwei auf der Plaça de Catalunya dem Flughafenbus entstiegen, ziehen wir los und fliessen in den breiten Strom der Flaneure auf der breiten Avinguda Portal de l’Angel ein. Auf dieser breiten Avenue mit ihrem blanken Steinbelag wird Gehen zum Gleiten. Wie sich die Strasse trichterförmig zur Gasse im Barri Gòtic rund um die Kathedrale verengt, beginnt Kopfsteinpflaster und Rolli hüpft fröhlich dazu, nunmehr mit Ratterton. Barcelonas Strassen und Plätze sind geschaffen für Menschen und Rollis. Sie fordern beschwingtes Gehen und wir erreichen unser Quartier, ohne eine Bordkante zu passieren, ohne Zusammenstösse, als wäre das Leben ein einziger Fluss. Plätze, Gassen und befahrbare Strassen gehen in Barcelona nahtlos ineinander über, und manchmal sind sie problemlos alles zusammen, wie beispielsweise die Plaça Jaume.

Fliessend

Überhaupt scheinen fliessende Übergänge ein Kennzeichen Barcelonas, wie Las Ramblas illustrieren. Die berühmte Promenade beginnt an der Plaça de Catalunya und endet nach einem Kilometer am Meer. Der Begriff ist von arabisch raml abgeleitet und bedeutet Flussbett. Und tatsächlich lag hier früher ein ausgetrockneter Fluss, der zur Hauptpromenade umgestaltet wurde. Spazierengehen auf der Rambla hiess fortan ramblejar auf katalanisch − sinngemäss Fliessen. Gerne stelle ich mir Ramblejar auch als eine Art Wogen vor, wie es die langen Gewänder von früher verursachten, als die Promenade im 18. Jahrhundert angelegt worden war. Während der Autoverkehr sich links und rechts davon mit je einer Spur begnügen muss, nimmt die von Platanen flankierte Promenade breiten Raum ein. Und ich selbst expandiere promenierend sozusagen zum wir des pluralis maiestatis. Auf die Plaça Reyal einbiegend wachsen wir angesichts der so stramm in die Höhe strebenden Palmen nochmals einen Kopf und wundern uns, wie sehr Stadtdesign das Lebensgefühl beeinflusst.

Sitzend

Nicht nur die Weite der Promenaden trägt dazu bei, dass hier der schlichte Genuss raumeinnehmenden Daseins zur zeitfüllenden Beschäftigung werden kann. Auch die wunderbare Bestuhlung von Plätzen und Promenaden erweckt die Lust, Barcelona sitzend ins Visier zu nehmen. Die von Arkaden mit Restaurants gesäumte rechteckige Plaça Reyal ist mit Palmen und exzentrischen frühen Lampen Gaudìs bestückt. Dazwischen stehen einzelne, wie zufällig leicht schräg placierte, massive, im Boden verankerte Stühle. Einzig dazu da, von Individuen besetzt zu werden. Sollten doch einmal zwei Stühle nebeneinander stehen, wenden sie sich diskret voneinander ab, jedem seinen eigenen Raum mit eigener Perspektive gewährend. Viele andere Plätze sind von traditionellen Bänken gesäumt. Platanen oder Kirschbäume gehören ebenfalls zum Inventar der Stadt. Als wir eines normalen Montag Morgens um halb zwölf auf die Plaça de la Virreina kamen, waren die Bänke besetzt und die Mitte des Platzes um einen Klavierflügel herum zusätzlich bestuhlt, weil zwei Damen ein leichtes Morgenkonzert gaben.

markt

Marktplatz von Barceloneta.


Am besten gefiel uns die Bestuhlung auf dem Marktplatz von Barceloneta. Den Endpunkt des wellenförmig ausschwingenden Markteingangs bilden vier scheinbar zufällig gestrandete Stühle sowie ein Abfalleimer, besetzt von sich sonnenden älteren Quartierbewohnern. Könnte man von der Bestuhlung auf städtisches Lebensgefühl schliessen, müsste man den Barcelonern spontan eine Mischung von zwangsloser Geselligkeit und generöser Individualität zuschreiben. Diese zeigt sich auch in den fast flossbreiten, langen Bänken an der Uferpromenade beim Strand Platja de Sant Miquel. Hier könnten problemlos drei Menschen Kopf an Fuss schlafen. In Zürich wären dieselben Bänke durch ein Dutzend Armstützen zurechtgestutzt.

Wellend

Natürlich steckt hinter all dem städtebauliches Kalkül. Barcelona gilt zurecht als ein Musterbeispiel moderner Stadtplanung. Von den Metroeingängen über die Strassenbeleuchtung bis hin zu den Abfalleimern ist alles durchgestaltet. Im nördlich der Altstadt liegenden Quartier Eixample wurden neun Quadratkilometer in 550 symmetrische Inseln aufgeteilt, die von der Avinguda Diagonal durchtrennt werden. Die vom Ingenieur Ildefons Cerdà (1815-1876) geplante Stadterweiterung wurde von 1860 bis 1900 gebaut, gefolgt vom Modernismo, der katalanonischen Ausformung des Jugendstils mit seinen Barcelona prägenden Bauten. Gewisse Bauten Gaudìs mögen zwar mit ihren als erodierte Felsen getarnten Säulen und einer Tendenz zur Vergrottung auch antimodern wirken. So als wollte man um 1900 wieder in Höhlen leben. Doch zeigt seine Casa Mila ein gewelltes Dach und eine wie Fettwülste wabernde Fassade, die sich ähnlich wellend in den Dächern der Quartiermärkte Santa Caterinas oder Barcelonetas zeigt oder im Endpunkt der Ramblas. Die Promenade läuft mit einer in wellenförmigen Zierbögen strukturierten Fussgängerbrücke sozusagen wieder Fluss geworden in den Hafen aus. Schade, ist mein Rolli nicht auch ein Schiff.