Marrakesch: Lichtpassagen

lichtpassagenVon den Waren in den gedeckten Souks von Marrakesh sah ich nichts. Ich sammelte Erscheinungsformen des Lichts. Zu Randzeiten findet man die schönsten Lichterscheinungen. Wenn die Läden noch geschlossen sind und der Strom der Kunden noch nicht fliesst, fliesst das Licht durch die Deckenöffnungen wie ein Wassestrahl in die Passagen. Es schiesst die Wände hinunter, malt Punkte und Striche auf sie, hinterlässt Sternschnuppenschweife oder zeichnet sich als Gitterstrukturen ab. Die Soukgassen werden dann zu Lichtpassagen. Es ist, als ob die je nach Passage unterschiedlichen Arten von Deckengeflechten neben ihrem vernünftigen Zweck, die unbarmherzig stechende Sonne zu dämpfen, der Licht-und-Schatten-Inszenierung dienten.
Die Souks von Marrakesh sind eigentliche Epiphanieorte des Lichts. Einmal erlebte ich, wie ein junger Mann in einem langen weissen Gewand mit gebeugtem Rücken Wasser aus einer Flasche über seine rechte Hand goss. Ein Lichtstrahl traf seinen Rücken und löste sein weisses Gewand in blendend weisses Licht auf, während sich das ausgeleerte Wasser in einen Lichtsee ergoss.

Der junge Mann sah diese Lichtspiele nicht. Wir sehen bei einem Sommerspaziergang unter Bäumen ja auch nicht, wie sich Licht und Schatten auf uns abzeichnen und uns in gesprenkelte Waldchamäleons verwandeln. Es braucht das suchende Auge eines Malers oder Fotografen, der das Lichtspiel einfangen will. Weil ihn fasziniert, dass Licht und Schatten die Erscheinungsmöglichkeiten der Dinge formen und ihre Möglichkeiten des Verschwindens bestimmen. Islamische Kunst inszeniert auf abstrakter Ebene mit ihren Hell-Dunkel-Ornamenten ständig, dass alles den Gesetzen von Licht und Schatten unterworfen ist. Die Ornamente schaffen ein strukturiertes Universum, dessen Gesetzmässigkeiten sich als eine Art Cezannsche Harmonie parallel zur Natur lesen lässt.

Islamische Kunst hat die Verwandlung von Oberflächen zu Gittern mittels Ornamenten zum künstlerischen Konzept erhoben. Ornamente lösen die Wände von Koranschulen, Palästen und Moscheen scheinbar auf und rhythmisieren sie nach mathematischen Gesetzen. Wenn wir uns in den Souks promenieren und sich Lichtornamente unbemerkt auf unsere Haut werfen, dann lösen wir uns wohl ein stückweit auf.