La Marseillaise

 

lachandeleur„Viens mon chat“, sagte der korpulente Mann. Nicht zu mir. Er greift in die Auslage des Sandwichstandes einer arabischen Bäckerei in der Nähe des alten Hafens von Marseille und häuft einen Löffel Thon auf einen Teller, den er einer grau-weissen Katze auf den Boden stellt. Darauf wendet er sich zur Bar, „Salam aleikum“. Nach einem herzhaften Kuss auf die Wangen des Kellners bestellt er einen Kaffee und setzt sich zu mir. Fragt, ob ich kalt habe, weil meine Hände ein Kaffeeglas umklammern, von dem Dampf in die kühle Morgenluft steigt. Es ist kalt, der Mistral bläst, die Türen der Bäckerei stehen weit offen und doch ist mir warm hier. Der Mann redet mit Menschen und Tieren. Er erzählt von Felix, der Katze seiner Tochter, dass er den Café ungesüsst trinkt wie ich und dass hier alle willkommen seien. Er sei kein Rassist. Nein, das ist er wahrlich nicht, so wenig wie diese arabische Bäckerei ein exklusiver Ort ist. Sie ist voller Männer an diesem noch dunklen Morgen. Ich bin die einzige Frau, Ausländerin und willkommen. Als Stadt am Meer war Marseille Fremden gegenüber schon immer offen. Von Schifffahrenden gegründet, geprägt vom Ankommen und der Abfahrt von Schiffen, Kulturen und Gütern, die Marseille ausmachen.

Marseille hiess heute Morgen schon andere einstmals Fremde willkommen. Es ist der zweite Februar, der Feiertag oder eher die Nacht von Mariae Lichtmess. Da kommt in Marseille um fünf Uhr morgens ein auf Griechisch verfasstes Evangeliar im alten Hafen an. So wie vor langer Zeit die fremde christliche Religion aus dem Morgenland wohl übers Meer nach Marseille kam. Am Ufer wartet die schwarze Madonna aus der Basilika Saint Victor und nimmt die Schrift in Empfang. Von vier Jünglingen auf Stäben getragen thront die Skulptur aus dunklem Nussbaumholz mit Jesus auf den Knien über der um sie versammelten Menge. Eine Königin der Nacht. Zur Feier trägt sie einen schwarzen, mit goldenen Sternen übersäten Mantel und eine goldene Krone. Geheimnisvoll wie die Stimmung um fünf Uhr früh und verheissungsvoll wie Sternenschimmer lässt sie das Licht schon ahnen.

Ich bin das Licht der Welt, sprach Jesus in der Bibel. In Marseille kommen Bibel und Licht mit Kerzen beleuchtet an. Drei Jünglinge stehen auf der Schiffsbrücke. Zwei tragen Fackeln und flankieren den dritten mit dem golden eingebundenen Evangeliar. In Indien fährt das Licht auf einem Wagen über den Himmel. In Marseille fährt es Schiff und wird von einer dunklen Madonna erwartet. Mir kommen Darstellungen von Maria Empfängnis in den Sinn, auf denen Maria Jesus durch einen Lichtstrahl empfängt. Wenn aber Jesus das Licht der Welt ist, ist dann Maria die Dunkelheit, aus der das Leben kommt und in der das Licht erst erscheinen kann? Und was war zuerst? Maria ist schon vor Ort. Müsste sie nicht zusammen mit dem Licht aus dem Orient gekommen sein? Oder ist sie älter als alles Licht?

Mariae Lichtmess heisst in Frankreich „la Chandeleur“, vom Lateinischen „Festa candelarum“, Fest der Kerzen. Das in ganz Frankreich gefeierte Fest wird in Marseille mit grünen Kerzen begangen, die nun angezündet werden, um den Zug mit Maria und dem Evangeliar zur Basilika zu begleiten. Die anderen beten, ich gehe mit, fremdgeworden unter Gläubigen. In der Basilika Saint Victor werden die Kerzen gesegnet und die ganze Woche Messen gehalten. Die Basilika am Fusse eines Hügels steht heutzutage etwas im Schatten der auf dem Hügel thronenden Kirche Notre-Dame-de-la-Garde. Mit ihrer elf Meter hohen vergoldeten Madonna anstelle einer Turmspitze könnte der Gegensatz dieser Madonna im strahlenden Sonnenlicht zur Schwarzen Madonna von Saint Victor nicht grösser sein. Zur Schau gestellte goldene Pracht im Sonnenlicht gegenüber verborgener Dunkelheit. Den Rest des Jahres wohnt die schwarze Madonna nämlich in der Krypta der Basilika unter der Erde, als würde sie das Licht nicht brauchen. Notre-Dame-de-la-Garde dagegen beherrscht die Stadtsilhouette. Ihre Maria bildet den höchsten Punkt der Stadt und wacht für alle sichtbar über sie. Doch mutet es egoistisch an, eine Marienfigur dem Mistral und der unbarmherzigen Sonne auszusetzen. Wie viel fürsorglicher erscheint da die schwarze Madonna in der Krypta plaziert. Unter der Erde verborgen, aus der Leben entsteht, verkörpert sie wohl auch Mutter Erde und steht als Bauch der Welt für ältere Vorstellungen von Fruchtbarkeit und Heil.

 

Marseilles Bäuche sind viele. In der Zeit der Julimonarchie ab 1830 entwickelte sich Marseille zum grössten Hafen Frankreichs. Kein Wunder spielen Schiffe eine grosse Rolle. Ihre Bäuche brachten neue Religionen, den Reichtum des Meers und der Kolonien, Kolonisierte und die Fremdenlegion, die in Aubagne in der Nähe von Marseille ihren Hauptsitz hat. Auch an Mariae Lichtmess wimmelt es von Schiffchen, den Navettes. An diesem Tage wird die ehemalige Klosterbäckerei neben der Basilika gesegnet, aus der jahraus jahrein der Orangenblütenduft der Navettes strömt. Navettes sind ein Gebäck in der Form von Schiffsbarken. Zwar isst man das Gebäck in Südfrankreich das ganze Jahr und es gehört auch zu den dreizehn weihnachtlichen Desserts der Provence. Doch so viele Variationen von Navettes mit Düften von Fenchel, Anis oder Vanille riecht man das ganze Jahr sonst nicht. Mein Bauch ist voller Navettes und ich spaziere die Canebière stadtauswärts. Der Boulevard Canebière wurde nach den Hanfseilmachern benannt. Wie eine Nabelschnur verbindet er den Hafen mit Marseilles einem weiteren Bauch. Er endet bei einem Wasserschloss, dem Palais Longchamp und seiner Verkörperung des Flusses Durance als Frau mit mächtigem Bauch.

Das einen Hügel umspielende Monument feiert die Ankunft des Wassers in Marseille. Obwohl Marseille am Meer liegt, war Süsswasser immer ein knappes Gut in der Stadt. Nach einer verheerenden Choleraepidemie 1834 sah man Handlungsbedarf ein. Man baute einen 85 Kilometer langen Kanal, der Wasser des Flusses Durance nach Marseille leitet. Statt aber das Wasser unterirdisch in die Stadt fliessen zu lassen, errichtete man ein Schloss am Hügel und lässt das kostbare Nass in triumphalen Sprudeln in die Stadt einfallen. Kaskaden, Grotten und mit exotischen Pflanzen umgebene Bassins mit Springbrunnen spielen eine Sinfonie mit Wasserballet. Die u-förmig angelegte Anlage hat Kolonnaden, die in Seitenflügeln enden, in der das Musée des beaux arts und das Musée d’histoire naturelle ihren Sitz haben. Typisch französisch wie die u-förmigen Anlagen von Versailles und den Hôtels particuliers in Paris. Hier bilden für einmal Kunst und Naturwissenschaft einen Rahmen für das Wasser statt für Königeund statt Pferdekutschen fährt die Personifikation der Durance in den Ehrenhof ein. Sie steht in einem von vier prachtvollen Camarguestieren gezogenen Gefährt in der Mitte über dem Wasserspektakel, gerahmt von Kolonnaden. Selbstbewusst präsentiert sie sich, den linken Fuss auf einer Amphore, den rechten Arm in die Hüfte gestützt, den linken Arm an einen Stab gelehnt. Zu ihrer Seite verkörpern zwei Frauen den Reichtum der Natur. Die eine trägt einen von Weintrauben umwundenen Stab, die andere ein Bündel Korngarben. Unter ihnen plantschen derweil die prachtvollen Stiere im Bassin wie es sonst nur Nymphen tun und schwingen ihre Vorderhufe mit dem aufspringenden Wasser über den Bassinrand.

Durance zeigt vor allem ihren Bauch. Ihre Beine verbirgt ein drapiertes Tuch, ihre Brüste verschwinden wie vernachlässigbare Accessoires auf dem mächtigen Leib und auch ihr Kopf ist viel zu klein. Als Fluss bringt sie Reichtum und Frieden. Deshalb hängen Fische an den flankierenden Säulen, wo sonst typischerweise Waffen und Trophäen hingen. Ein friedlicher Triumph also? Warum nur markieren dann zwei Löwen und zwei Panther mit erbeuteten Rehen unter den Tatzen und weit aufgerissenen Mäulern den Eingang der Anlage? Ist der Tod nie weit, wenn Leben und Fruchtbarkeit gefeiert werden? Braucht es Blutbäche, damit Wasser fliesst? So wie Jesus am Kreuz die Paradiesflüsse erst wieder zum Fliessen brachte? Oder haben die wilden Tiere mit dem Zoo zu tun, der sich auf der Hinterseite des Hügels befindet? Sind sie imperiales Gehabe? Immerhin ist diese Anlage unter den letzten Königen Frankreichs entstanden. In einer Zeit, als Frankreichs Kolonien Reichtum und Tod brachten und Marseille königlich modernisiert wurde, wie Paris.

Was immer die Löwen bedeuten, hier thront eine weiblich gesehene Natur mit Wasser, Garben und Trauben über einer tierischen Natur. Am anderen Ende der Stadt wacht die Madonna von Saint Victor als Mutter Erde unterirdisch und wird als Quelle des Lebens verehrt. In Marseille kommt das Licht der Welt per Boot übers Meer und das Wasser mit dem Wagen übers Land. Ich kam mit dem TGV. Auf dem Weg zum Bahnhof begegne ich einer Frau. Sie sagt: „Es ist hart, wenn man kein Haus hat.“ Ich schäme mich, verstehe und antworte, dass ich nicht helfen kann. Fremd geworden gehe ich weiter und muss zur Kenntnis nehmen, dass gewisse Frauen in Marseille kein Haus haben und keine Ehrung erfahren. Es ist kalt, der Mistral bläst, mir wird nicht mehr warm.