Jerusalem: „zu gewissen Zeiten“

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Jerusalem, Sankt Anna Kapelle.

Kein Blatt regt sich im Innenhof neben der Sankt Anna Kapelle hinter der via dolorosa. Eine Palme mit aufgefächerter Krone und braun runterhängenden schlaffen Wedeln bekränzt ein Denkmal für den Kardinal Lavigerie, das auf einem obeliskförmigen Sockel steht. Mandarinen leuchten aus dunkelgrünem Blattwerk hervor und Zyklamen in rot und weiss blühen dezent aus einem hohen Steinbehälter heraus. Die Sonne scheint auf die Gebäude aus hellem Kalkstein, aus dem die Altstadt von Jerusalem erbaut ist und auf die Ruinen von Bethesda, die hinter der Sankt Anna Kapelle liegen. Bethesda bezeichnete die einstigen Wasserbassins für den Tempelberg, die später zu einem Heilzentrum wurden, wenn sie es denn nicht schon immer waren. Das Ensemble aus Garten, Kapelle und Ruinen bildet den Auftakt der Via Dolorosa nach dem Löwentor in der nordöstlichen Ecke der Jerusalemer Altstadt. Auf dieser Strasse trat Jesus seinen Leidensweg an, der so schon von Beginn weg mit Heilung verbunden war.

Ich schaue auf die Ruinen von Bethesda hinunter. Verstreute Steine und Säulen lassen die einstigen Becken kaum mehr erkennen. Aber das ist mir auch nicht wichtig. Die weit unter dem heutigen Bodenniveau herumliegenden Steine machen umso deutlicher, dass dieser Ort lange Zeit Bedeutung hatte und Schicht um Schicht bebaut und mit Heil belegt wurde. Dass Bethesda hier liegt und Jesus hier einen Kranken heilte, glaubt man seit dem 19. Jahrhundert, als ein Fresko entdeckt wurde, das einen Engel zeigt, der zum Wasser hinabsteigt. Von ihm und Jesus berichtet der Apostel Johannes. Er nennt einen Teich und fünf Hallen, in denen viele Kranke, Blinde, Lahme und an Abzehrung Leidende auf die Bewegung des Wassers warteten. „Ein Engel stieg nämlich zu gewissen Zeiten in den Teich hinab und bewegte das Wasser. Wer nun nach der Bewegung des Wassers zuerst hineinstieg, der wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet war.“ (Johannes 5,4). Dass es die Bewegung des Wassers braucht, um es heilbringend zu machen, ist ein schöner Gedanke. Denn was setzt Heilung in Bewegung? Was ist sichtbar und was bewegt sich innerlich?

Zurück zum Wunder, das Jesus in Bethesda vollbrachte. Ein Gelähmter lag in einer der fünf Hallen schon seit achtunddreissig Jahren auf seinem Bett. Da er sich nicht selbst bewegen konnte, hatte er keine Chance, zur rechten Zeit ins bewegte Wasser zu gelangen. Jesus fragte ihn, ob er gesund werden wolle. Er sagte, er habe keine Chance, da niemand ihm helfe, der erste zu sein. Jesus forderte ihn auf, aufzustehen und umherzugehen. Der Mann stand auf, legte sein Bett zusammen und konnte gehen. Der äusserlichen Bewegung von Wasser brauchte er nicht, da Jesus ihn in Bewegung versetzte.

Achtunddreissig Jahre sind eine zu lange Zeit. Hätte ein anderer das Wunder früher vollbringen können oder brauchte es der achtunddreissig Jahre Ausharren und Gelähmtseins? Ich kann mir die vielen Versuche lebhaft vorstellen, der Krankheit zu entfliehen. Wer kennt nicht die Pein des? Doch was holt einen Menschen aus seiner Lähmung und Erstarrung heraus?

Heilung geschieht, wenn die Zeit dafür reif ist. Das können Psychologen und Dottores noch so beschleunigen wollen.

Auch die Mutter von Maria, Anna, der die Sankt Anna Kapelle gewidmet ist, musste lange warten. Ob ihr Leben deshalb mit dem Ort von Bethesda verbunden wurde? Da konnte ihr Ehemann Joachim so viel zu ihr hinabsteigen und in sie eindringen, wie er wollte, sie bekamen kein Kind. Zwanzig Jahre mussten sie warten, bis Anna von was auch immer berührt und gebärfähig wurde.

Die Sankt Anna Kapelle, ein schlichter Bau aus der Kreuzfahrerzeit, hat einen spitzbogigen Eingang, der mit Zickzackornamenten verziert ist, wie man sie auch in Sizilien sieht und dort als siculonormannischen Stil bezeichnet. Sie wurde über eine Krypta gebaut, in der Anna Maria geboren hat. Dass man von Maria fast nichts weiss und ihr Leben später erfunden wurde, tut der Schönheit des Ortes keinen Abbruch. Im Gegenteil. Erst die Verortung des Geschehens in Bethesda und in der Krypta macht die Geschichte lebendig. Mit oder ohne Engel, die Wasser bewegen und Bäuche befruchten.

Vielleicht weiss der weiss gewandete Priester um die Bedeutung von Erstarrung und Zeit und steht deshalb, in einem Buch lesend – äusserlich unbewegt – am Eingang der Sankt Anna Kapelle an die Seitenwand gelehnt da. Er hat den Kopf gesenkt, um den Worten des heiligen Buches geneigt zu sein, mehr lauschend als lesend. Er kennt den Text, den er liest, bestimmt und wartet, bis die Zeit da

ist und jemand ihn findet, um ihm zu lauschen. Täglich macht er sich bereit und lauscht. So ist er innerlich stets bereit, um zu heilen, wenn jemand kommt, Wasser sich kräuseln und die Zeit reif ist.