Istanbul: Der böse Blick

Säule

Säule in der Yerebatan-Zisterne, Istanbul.


Wahrscheinlich gehen so Vergewaltiger vor. Es geschah zufällig in Istanbul. Dort sagen einem alle „Hallo“, was ich gerne mag. Aber dieser eine Mann sagte mit säuselnder Stimme Hallo und fügt sofort hinzu, ob, ich wisse, weshalb er Hallo sage. Zeit zum antworten gab er nicht, denn er wollte mich belehren. Menschen könnten sich nur verstehen, wenn sie miteinander redeten. Wenn man miteinander redet, ist man nicht allein. Dagegen kann man grundsätzlich nichts einwenden – wenn seine ganze Art nur nicht so abstossend wäre, dass instinktiv Alarmglocken läuten. Seine Stimme zu soft, er selbst einen Schritt zu nahe. Als ich meinte, ich würde es schätzen, dass einem hier alle begrüssen, sagte er eine Spur aggressiver säuselnd, er sei nicht irgendwer. Es nützte nichts, dass ich erklärte, wie ich es gemeint hatte, denn schon übernahm er wieder seinen Monolog und fuhr mit seiner unangenehm netten Stimme weiter, dass miteinander reden wichtig sei. Nun überlegte ich mir, ob er das bei einer Predigt gehört hatte, ob er einer Sekte angehörte oder ob er sonst ein Problem hatte und blieb höflich, gerade weil er so subtil unhöflich war und ich eben erlebt hatte, wie schnell seine Stimme eine Spur nur kippen konnte als würde er eine Schraube anziehen. Aber er kam mir einfach zu nahe und schaute mich immer mit einem Blick an, der etwas hatte, das kleine Mädchen wehrlos macht und erwachsene Menschen abstösst.

Ich weiss nun genau, was sein Blick bedeutet. Er sagt, wenn du unhöflich bist, verhältst du dich schlecht und bist kein braves Mädchen mehr. Auch gegen sein Geschenk konnte man sich nur schwer wehren. So harmlos schien es. Er heftete mir ein winziges Kügelchen mit dem Auge gegen den bösen Blick mit einer winzigen Schliessnadel an meinen Pullover und nutzte damit meine Höflichkeit ein letztes Mal aus. Ich verabschiedete mich höflich und wollte seine Telefonnummer nicht.