Flugplätze für Göttinnen – die Yoginitempel Indiens

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Der Yoginitempel von Hirapur.

Yoginitempal sehen anders aus als normale indische Tempel. Normale Tempel sind rechteckig, besitzen grosse Eingangstore und der Kultraum ist im Innersten im Dunklen unter einem hohen Turm verborgen. Yoginitempel dagegen sind rund, niedrig und nach oben offen. Von der Forschung werden sie weitgehend ignoriert und von Eingeweihten vor Ort erfährt man nichts über die geheimen Praktiken, die in den Tempeln stattfinden, ausser man liesse sich selbst initiieren. Aber dann dürfte man nicht mehr darüber reden. Sind Yoginitempel deshalb geheimnisvolle Orte?

Nein. Im Gegenteil. Alles liegt offen da und diese Offenheit hat einen einleuchtenden Grund. Die zum Himmel offenen Tempel erlauben es den dort verehrten Yoginis, nach Belieben ein- und auszufliegen, wenn sie mit Initiierten ihre magischen Fähigkeiten praktizieren. Form follows function, könnte man sagen. Die nach oben offene Form der Tempel ist so konsequent wie der Grund dafür fantastisch wirkt. Nur vierzehn solche Tempel sind in Indien erhalten geblieben. Ich habe mir diejenigen zwei Tempel angesehen, die am besten erreichbar sind. Denn Yoginitempel werden an einsamen und verrufenen Orten gebaut, wo sich nachts niemand hintraut ausser  den Eingeweihten, die hier noch heute geheime Rituale abhalten mit dem Ziel, mit den Yoginis davonzufliegen.

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Mahamaya

Der Tempel von Hirapur im Bundesstaat Orissa ist der Kleinste von allen. Wie ein Juwel liegt er zwischen Feldern und einem See. Sind die Aussenseiten der Mauer  von Yoginitempeln normalerwiese total undekoriert, besitzt dieser Tempel ausnahmsweise neun Nischen mit Darstellungen von Göttinnen. Ich betrete ihn durch einen gedeckten Korridor, der von zwei Darstellungen männlicher Skelette mit erigiertem Penis an den Wänden flankiert wird, die ebenfalls in den Tempel gehen. Einer hält einen abgeschlagenen Kopf in der Hand. An der Innenwand sind 60, kaum 50 Zentimeter grosse, verführerische Yoginis im Kreis angeordnet. Sie besitzen sinnliche Körper mit prallen Brüsten, einige tanzen, andere tragen Waffen, nicht wenige haben Tierköpfe. Sie drücken Schönheit, Kraft und Vielfalt aus, lassen sich optisch nicht auf einen Nenner bringen und bilden dennoch eine Einheit im Kreis. Gegenüber dem Eingang befindet sich das Hauptkultbild, die Göttin Mahamaya, die “grosse Illusion”. Über und über mit Seerosen, Hibiskus und Tagetes geschmückt leuchtet ihr schwarzes Gesicht mit den echsenhaften Augen einer Silbermaske aus dem Blumenmeer hervor.

Alles wirkt intim und in keiner Weise bedrohlich. Auch für die Flugkünste der Göttinnen bleibt nicht viel Raum, weil in der Mitte ein Schrein für Shiva Platz einnimmt. Dennoch, Yoginis sind verführerische und gefährliche Göttinnen. Sie fressen Kinder, bringen Krankheiten und berauschen sich auf Leichenfeldern umherziehend an Blut und Alkohol. Viele mittelalterlichen Geschichten erzählen, wie sie Männer verführten, mit ihnen tanzten und sie in ihrem Kreis opferten und verspeisten, um Flugenergie zu tanken. Wegen dieser unheimlichen Aktivitäten befänden sich Yoginitempel ausserhalb von Dörfern, lautet die gängige Erklärung. In Hirapur wird man jedoch den Eindruck nicht los, dass der Tempel ausserhalb gebaut wird, weil es hier friedlich und still ist.

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Yogini

Nimmt man die tantrischen Texte wortwörtlich, so verehrten frühe tantrische Traditionen die Yoginis mit Menschenblut und einer ritualisierten Sexualpraxis, die nur “vira” genannten Helden offenstand, ging es doch um das Wagnis, sich den Yoginis ganz und gar hinzugeben. Der tantrische Held spornte die Yoginis an, ihn zu verzehren, innerlich durch den Entzug von Sperma, äusserlich als kannibalistischen Akt. Erst die vollständige Hingabe des Helden führte zu seiner Verwandlung und Neuerschaffung. Er wurde zum Geliebten der Yoginis, erhielt übernatürliche Macht und vermochte so mit den Yoginis davonzufliegen. Als yogischer Meister wurde er in der Mitte des Tempels als Shiva verehrt. Es geht in den Yoginitempeln also um Hingabe, Tod und Verwandlung zur Erlangung aussergewöhnlicher Fähigkeiten.

Dass diese Geschichten eine so perfekt korrespondierende visuelle Gestaltung finden, ist wunderbar. Der Yoginitempel von Hirapur wirkt nicht geheimnisvoll, alles liegt offen da. Noch einmal schreite ich durch die Todeszone der Skelette im Korridor, trete in den Kreis geballter Womenpower und schaue in die Augen Mahamayas. Wer den Tod nicht fürchtet und in den schützenden Kreis der Yoginis eintritt, hat die Möglichkeit Meisterschaft zu erlangen und als Shiva in der Mitte verehrt zu werden, scheint die Form der Anlage zu sagen. Und wer es wagt, in die Augen der Mahamaya zu sehen, erkennt, dass wir die Illusion ablegen sollten, beherrschen zu können, wo wir uns doch hingeben sollten. Soweit ist alles klar auf dem Boden der Tatsachen. Bleibt die Dimension des Fliegens.

 

Der Chausath Yoginitempel von Bheragat

Der Chausath Yoginitempel von Bheragat.

Der Chausath Yoginitempel von Bheraghat liegt in der Nähe der Stadt Jabalpur im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Er stammt aus dem 10. Jahrhundert und wurde im 12. Jahrhundert erweitert. Er liegt auf dem höchsten Punkt eines Hügels über einem kleinen Dorf am Ufer des heiligen Flusses Narmada. Steigt man zum Tempel hoch, scheint seine Silhouette wie eine Horizontlinie zwischen Himmel und Erde. Es wirkt, als könnte der Tempel selbst jederzeit wie ein Ufo abheben. Mit seinen 40 Metern Aussendurchmesser ist dieser Tempel der grösste aller erhaltenen Yoginitempel. Der Tempelplatz wirkt wie eine Arena. Er ist von 81 lebensgrossen Yoginis unter Arkaden umgeben. Hier kann man sich gut vorstellen, dass regelrechte Flugwettbewerbe stattfanden, mit den Yoginis als Schiedsrichterinnen.

Die Praktiken, die in Yoginitempeln durchgeführt wurden, gehören zum weiten Oberbegriff tantrischer Praktiken. Diese versprechen besondere Fähigkeiten. Dazu gehört, ganz klein zu werden, um überall einzudringen, ganz gross zu werden, um über die sichtbare Realität hinauszusehen, Leichtigkeit, schwer werden, die Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzudrücken, Kontrolle über die Elemente und damit über den Kosmos und über natürliche Elemente wie den Regen zu erlangen und die Erfüllung aller Wünsche. Kein Wunder war der Tantrismus bei Königen des Mittelalters sehr beliebt. Unter ihrer Patronage wurden Yoginitempel gebaut. Auch die Hauptstadt der Dynastie, die den Tempel in Bheragat errichten liess, liegt nur vier Kilometer vom Tempel entfernt. Ihre Hochzeit hatten die Yoginitempel vom neunten bis zwölften Jahrhundert.

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Die Chausath Yogini.

Die meisten Yoginis sind angeschlagen. Abgeschlagene Arme, Gesichter oder Nasen weisen auf islamische Vandalen hin. Denn die Nase symbolisiert die Essenz des Individuums, weil durch sie der erste und letzte Atemzug geht. Auch wenn die meisten Yoginis nicht mehr vollständig und damit nicht mehr wirksam sind und ich hier nicht fliegen lernte, fühlte ich die Weite des Raums. Ich verstand, dass es Orte gibt, wo die Arme auszubreiten und abzuheben auf einmal leicht vorstellbar wird. Die runde Form des Tempels allein suggeriert Bewegung. Mit seiner Lage auf dem Hügel bildet er nur mehr einen Balken zwischen Himmel und Erde, eine Art Horizont, wo sich beide fast berühren.