Fès: Das Hühneropfer

P1030470In Fès liegt zwischen der Medina und Fès El Djedid. der Jardin de Boujeloud. Jeden Donnerstag treffen sich dort Frauen auf einer Brücke. Sie bringen Opfergaben für eine Heilige, die hier gelebt hat und erhoffen sich damit die Erfüllung eines Wunsches. Die alte Brücke über den Bach und ein altes Wasserrad erinnern noch daran, dass der Ort einmal idyllisch gewesen war. Heute quert ein Leitungsrohr den Bach. Donnerstags verdecken ein rotes und ein schwarzes Tuch die Sicht unter den einen Brückenbogen, unter dem anderen fliesst das Bächlein durch. Zwei Knaben legen unter die Tücher Opfergaben, die ihnen hinuntergereicht oder hinuntergeworfen werden. Ihr Vater steht entweder auf der Brücke oder unten bei den Jungen und nimmt ebenfalls Opfergaben entgegen. Er ist es auch, der mit einem grossen Küchenmesser die Hühner opfert, den Frauen Kraft spendend die Hand hält oder ihnen die Hand auf den Kopf legt. Der Mann hat etwas ganz und gar Unpriesterliches. Lang und dürr machte er fahrige Bewegungen und trägt ein Batikshirt. Zu Beginn des Abends hielt er einen schwarzen Kaffee wie eine Droge in der Hand.
Je dunkler es wird, desto mehr Kerzen zünden die Frauen an und stellen sie auf das rückseitige Brückengeländer. Sie bringen ihre Geschenke in Plastiksäcken. Grosse schöne Brote, Milch im viereckigen Tetrapack, Bier in der Flasche, Räucherstäbchen und Hühner mit zusammengebundenen Füssen. Mit einem Handgriff werden sie herausgezogen und dem Mann gereicht. Einmal beobachtete ich, wie eine Frau mit dem Huhn in der Hand die Spenderin umkreiste, ihr das Huhn über den Kopf hielt und es erst dann dem Opferer weiterreichte. Bei der Zeremonie hatte die Frau ihr Haupt mit einem Tuch zugedeckt. Den Hühnern wird auf etwas Stroh der Kopf abgeschnitten. Ihr erbärmliches Quieken davor ist fast erschütternder als der eigentliche Akt. Einmal strich der Mann das am Messer klebende Hühnerblut einer Frau auf den Arm.

Die Gaben schienen mir Aussenstehenden respektlos behandelt zu werden. Die schönen Brote wurden auf den Boden geschmissen und später in den Fluss. In der Nacht geschah es dann aber öfter, dass die eine Hälfte des Brotes wieder nach oben gereicht und von der Spenderin in ein Tuch eingepackt wurde.

Je später der Abend wurde, desto mehr Frauen waren auf der Brücke. Eine liess sich mehrmals die Hand auflegen und drückte sich an den Opfermann. Immer mehr Milchpäcke wurden aufgerissen und die Milch in den Bach geschüttet, Bierflaschen an der rauen Wand geöffnet ebenfalls ausgeleert. Milch, Alkohol und Brot flossen das Bächlein hinunter. Ab und zu wurde Bier wie Weihwasser über die Geberinnen gespritzt. Die Abfälle türmten sich in einer Ecke und wurden von Kerzen beleuchtet. Der Duft von Räucherstäbchen und etwas Harz erfüllte die Luft und vermengte sich mit dem betörendenden Duft von blühenden Pflanzen.

Am nächsten Morgen ging ich kurz nach 6 Uhr zur Brücke zurück. Die Luft war von Tausenden Mauerseglern und ihrem zirpenden Gesang erfüllt. Vom nächtlichen Geschehen sah man nichts mehr. Der Abfall war weggeräumt. Lediglich eine grüne und eine weisse Kerze steckten noch im Bach und etwas Stroh wies darauf hin, dass hier am vorhergehenden Abend ein Hühneraltar war und ein Bach aus Milch, Bier und Brot geflossen war.