Tee gegen Bise

25biseWenn die Welt in Aufruhr ist, weil die Bise alles durchdringt, habe auch ich einen schweren Stand. Entweder jage ich dann mit weggefegten Papiersäcken durch die Luft und vollbringe Kapriolen oder ich versuche, dem von der Bise entfachten körperlichen Aufruhr standzuhalten.
Nur wie? Der Bise ausgesetzt weiss ich nich,t wie Stehen noch Gehen. Wie ein Schwarm Zikaden ist die Bise über mich hergefallen. Ich flirre und schwirre, die Viecher saugen mich aus, machen meinen Kopf kirre und meinen Körper mürbe, die Augenlider schwer. Die Biester nehmen meine Konzentration, bereiten Schwindel, so dass ich den Boden verliere und in Panik gerate. Nachts fliegen Fensterläden davon. Ich erwache aus nervösen Träumen, in denen ich meine Rippen umfasse und sie wachliegend zähle und halte, als müsste ich mich vergewissern, dass es mich noch gibt und alles an seinem Platz ist.
Tagsüber versuche ich, den Aufruhr zu bändigen. Erfolglos, ich finde keinen Stand und flattere im Nichts mit meiner Niedergeschlagenheit.
Zumindest ist das Wetter schuld. Vielleicht hilft ja ein Tee, durch den ich mich beobachtend und schreibend aufs Papier bannen kann. Oolong Ruxiang hilft heute nicht. Ruxiang ist ein Tee für klar lokalisierbare Verspannungen, nichts, wenn die Fahnen auf Sturm stehen und der Körper wie eine Zikade vibriert. Da ich mich verbiestert fühle, greife ich zum Zheng Dongding Guifei Wulong. Er stammt aus verwilderten Teegärten, die von Zikaden befallen worden waren.
Die Kugeln dieses relativ stark fermentierten Oolong klappern wie Störche in meiner Hand. Beim ersten Aufguss tun die Kugeln keinen Wank. Entsprechend verhalten ist der Geschmack und meine Hände vibrieren weiter auf der Tastatur. Der zweite Aufguss wird zumindest goldgelb. Doch von den versprochenen süssen Aromen und Blumendüften dringt nichts zu mir. Aber heute reicht es, mit aufgestütztem Kopf in die Tasse zu starren. Dabei fixiere ich zwar nur mein Gesicht mit den im Wasser vergröberten Poren. Doch immerhin, da bin ich. Beim dritten Aufguss öffnet sich der braune Haufen und sieht nun aus wie Totentrompeten.
Ich stelle die Tasse zwischen die aufgestützten Ellenbogen. So steigen die an Schwarztee erinnernden Aromen und der Geruch feuchter Erde mit einem Hauch von Single Malt Island Whiskeys in meine Nase hoch und ich schreibe den Duft auf den Screen. Bald lasse ich meine Finger ruhn. Wie eine Ertrinkende beuge ich mich tiefer und tiefer zur Tasse hinab, starre auf das unergründliche Teichgut und sinke endlich langsam auf Grund.