Yerewan – Stromleiter des Schmerzes

Komitasdenkmal im Park vor dem Konservatorium in Yerewan.

Das Gras am Rande des Parks mit dem Komitasdenkmal spriesst wie es will. Löwenzahnfallschirme sitzen abflugbereit. Der Boden ist voller weisser Tupfer von Robinienblüten und die Luft erfüllt von ihrem betörenden Parfüm. Man lasse sich von den eigenwillig wuchernden Pflanzen nicht täuschen. Der Park vor dem Yerewaner Konservatorium ist ein durchgestalteter Ort. Seine Parkbänke schliessen seitlich mit Lyren ab und die schwenkbaren Abfalleimer hängen zwischen Notenschlüsseln. Ein Mann sitzt in der frühen Morgenstunde die Arme auf den Oberschenkeln vornübergebeugt da, als hätte er so geschlafen. In der Mitte des Parks umgibt ein kreisrunder Gehweg mit Bänken das Denkmal für den Priester, Komponisten, Sänger und Musikwissenschaftler. Auf einer runden niedrigen Plattform sitzt er auf einem umgelegten grossen Aststück, das nur mit vier zierlichen Ästen den Boden berührt. Diese Äste hielten das Gewicht eines Menschen nicht aus. Doch Komitas wiegt nur mehr wenig. Er sitzt diagonal nach hinten geneigt auf dem dicksten Ast. Die Hände fein auf seine Oberschenkel gelegt neigt er sich nach hinten als würde er vor etwas zurückweichen. Er wendet seinen Kopf ab, als würde er etwas nicht ertragen. Wer seine Geschichte kennt, versteht sofort, dass sein Körper und Geist das Grauen, das sie gesehen haben, nicht ertrugen. Komitas lebte 1915 in Konstantinopel und gehörte zu den Intellektuellen, die zum Auftakt des Völkermordes gefangengenommen wurden. Als einer von acht Gefangenen überlebte er die Ermordung der Intelligentsia, weil sie begnadigt wurden. Doch überlebte er zerbrochen wie das abgebrochene Baumstück, auf dem er sitzt. Dieser Ast trägt nur noch ein Gespenst, das in einer Pariser Klinik seinen Lebensabend verbrachte.

Ein früher Raucher sitzt auf einer der Bänke, die um den kreisrunden Weg gruppiert sind. Ich glaube, er wendet sich Komitas zu und Komitas sieht ihn an. Es gilt den Schmerz zu teilen, um ihn auszuhalten.

Der Schmerz des Genozids ist allgegenwärtig in Armenien. Seine Visualisierung, das Genoziddenkmal, liegt auf dem Hügel über der Stadt. Wir nähern uns dem Denkmal auf einem Weg, der links und rechts von kleineren und grösseren Nadelbäumen gesäumt ist. Sie wurden von berühmten Leuten oder Vertretern von Staaten gespendet. Dann weitet sich der Weg zu einem Platz, der von Robinien und Nadelbäumen umgeben ist. Das Genoziddenkmal selbst besteht aus zwei Teilen, einem vulkanartigen Monument und einer Art Turm. Der Turm wirkt mehr wie eine in den Himmel zeigende Spitze Er besteht aus einem spitzwinkligen kleineren Dreieck, das mit einem grösseren spitzwinkligen Dreieck eine Einheit bildet. Die beiden spitzen Dreiecke sind das armenische Volk, das kleinere die in Armenier lebenden Armenier, das grössere die Diaspora. Zusammen schrauben sie sich mit einer leichten Drehbewegung in den Himmel und stechen mit einer so filigranen Spitze in ihn hinein, dass sich die Berührung für den Himmel vielleicht wie ein Akupunkturnadelstich anfühlt. Der Weg in den Himmel ist für das armenische Volk also bis zum heutigen Tag mit Schmerz verbunden.

Sonst stechen Türme ja oft viel selbstbewusster und siegesgewisser in den Himmel. Die Kirchtürme im benachbarten Georgien zeigen wie startbereite Raketen oder Geschlechtssymbole in den Himmel und Minarette schreiben sich wie gespitzte Bleistifte auf ihn drauf. Die armenische Nadelspitze leitet den Schmerz des armenischen Volkes in den Himmel.

Neben dieser Spitze steht in der Form eines Vulkans das Monument mit der ewigen Flamme. Zwölf monolithisch wirkende Steinmauern neigen sich nach innen. Zwischen den Steinen geben Öffnungen den Blick ins Innere frei und Treppen führen zum Zentrum, wo in der Mitte die ewige Flamme brennt. Darum herum legen Besucher Blumen nieder, darunter viele Nelken. Ihre Blüten werden zu Papier verarbeitet. Papierblüten als Grundlage für ein anderes Skript, das nicht mehr von Schmerz durchtränkt sein soll. Wenn man weiss, dass die Schrift als Grundlage und wichtigstes Gut der armenischen Kultur angesehen wird, tritt die Bedeutung dieses Blumenpapiers noch deutlicher hervor.

Franz Werfel schreibt in „Die vierzig Tage des Musa Dagh“: „Nur verfolgte und unterdrückte Völker sind so gute Stromleiter des Schmerzes. Was einem einzelnen geschieht, ist allen geschehen.“ Wer das Genoziddenkmal besucht, trägt den Schmerz mit. Und vielleicht helfen wir mit, ihn mit unserer Anteilnahme zu verringern. Den Armeniern geht es um die Anerkennung des Völkermords. Unsere Reiseleiterin Lilith sagt immer, wir empfinden keinen Hass gegen die Türken. Wir wollen nur die Anerkennung. Denn ohne Anerkennung kann der Genozid nicht bewältigt werden. Es braucht uns alle. Sonst bleibt nur das Ausweichen, das sich Abwenden vor dem Grauen. Komitas wich in den Wahnsinn aus. Deshalb sitzt sein Körper schräg in einer unmöglichen Haltung auf einem abgesägten Ast, der ihn nicht tragen kann und trotzdem nicht bricht, weil er selbst sich nicht mehr ertrug und in den Wahnsinn flüchtete. So gesehen macht die Gestaltung des Parks vor dem Konservatorium nochmals besonders Sinn. Der Kreis und die Bänke um das Komitasdenkmal fangen das Denkmal auf und jeder, der sich in den Kreis setzt, trägt den Schmerz eine Weile mit. Ich sah vertrocknete Blüten auf dem Aststück liegen.