Gjumri – Leninakan – Alexandropol und der Wind der Veränderung

gjumri_dsc01264Die Stadt Gjumri liegt im wilden Osten. In dem wilden Osten, der in den wellenden Hügelmeeren Ostanatoliens beginnt und in die Steppen Zentralasiens führt – wo Wind den Steppensand der Hochebenen durch weite Landschaften weht, die Nomadenland bleiben – auch wenn sich hier handelsbedingt Städte wie Gjumri angesiedelt haben. In der schachbrettartig angelegten Stadt stehen strenge klassizistische Gebäude aus dunklem, über die Zeit fast schwarz gewordenem Tuff in Reih und Glied, durch sowjetische Industrieruinen weht der Wind und einstöckige dörfliche Häuser mit Gärten schliessen nahtlos an die Innenstadt an. Eine sowjetische Militärbasis und nach dem schlimmen Erdbeben von 1988 neu gebaute Blockhäuser bilden den Horizont im Norden. Der majestätische Gipfel des Aragats bildet den südlichen Horizont.

Wild wirkt der Ort, weil durch Gjumris geflickte Strassen alte Ladas wie Cowboys mit Raucherlungen röcheln. Weil der Ort heruntergekommen ist wie Orte aus Wildwestfilmen und weil er vor dem riesigen Gebirge des Aragats wie eine Herde aus sich zusammendrängenden Häusern wirkt. Mit seinen gut viertausend Metern ist der Aragats der höchste Berg auf armenischem Boden, seitdem der Ararat von den Türken „verhaftet“ ist. Wann immer man in den Strassen von Gjumri Richtung Süden schaut, bildet er eine majestätische Kulisse. Sein ganzjährig schneebedeckter Gipfel macht klar, die Winter sind hart. Gjumri liegt auf 1500 Metern Höhe und nachts hört man das Heulen der Wölfe.

Die Fahrt von Yerewan nach Gjumri mit der Marschrutka, den typischen Kleinbussen, dauert nur zwei Stunden, aber das Gefährt stinkt wie unrenovierte Hotelzimmer aus den Siebzigerjahren. Trotz Rollkoffer gehe ich zu fuss zu meinem Gasthaus Richtung Norden. Weil ich auf dem Weg noch essen will. Da sich die Stadt schachbrettmusterartig ausbreitet, kann ich mich nicht verlaufen. Doch existiert ein in meinem Reiseführer angegebenes Restaurant nicht mehr und das andere ist an der falschen Stelle eingezeichnet. So verlaufe ich mich zwar nicht, aber ich finde auch die gesuchten Orte nicht. Die Trottoirs brechen ständig ab, einfache russische Verkaufsbuden versperren den Weg auf dem Markt, der sich an die Busstation schliesst. Die Sonne brennt und spätestens auf dem Freiheitsplatz fühle ich mich wie die letzte Mohikanerin beim Durchqueren der Wüste, so endlos weit scheint mir der Platz. Ich atme auf, als ich in eine mit Sternenmustern gepflasterte Fussgängerzone der Altstadt einbiege. Strenge klassizistische Fassaden und ein etwas wulstiger Jugendstil heben sich prägnant vom blauen Himmel ab. Bequeme Sitzbänke und Strassenlaternen verlaufen in schnurgerader Linie. Nur eine Häuserzeile weiter wechselt die Pflasterung in einen Feldweg mit Kies und Wasserpfützen, der unter einer Brücke zu Ende ist und nicht weiterführt, wie mir der Stadtplan weismachen will. Da ich meinen Koffer auf dem Kies nicht weiterziehen kann und mir die Arme schmerzen, schleppe ich den Koffer die Treppe zur Brücke hoch, von wo ich auf die niedrigen Häuser hinabsehe, die oft unter Bäumen verschwinden. Am Horizont der Aragats. In weniger als zehn Minuten bin ich über sowjetischer Megalomanie auf dem Freiheitsplatz durch über eine bürgerliche Häuserzeile und ein dörflichen Ambiente spaziert.

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Charles-Aznavour-Platz und Berg Aragats.

Ich weiss nicht genau, weshalb mich diese Wechsel so faszinieren. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil verschiedene Zeiten und Stile so jäh und unverbunden und irgendwie gewagt nebeneinander stehen. Wild und abrupt. Die pfeilgerade sowjetische Autostrasse zum Charles-Aznavour-Platz mit dem sowjetischen Triumphbogen säumen Ruinen von Textilfabriken kurz hinter dem Friedensplatz. Sie verkünden, dass Industriebetriebe als repräsentative Flankierungen von Plätzen galten. Weiter nördlich weisen neue Hotels in eine ungewisse Zukunft. Die Bauten ziehen im Taxi an mir vorbei. Auf der Brücke habe ich den nächstbesten Taxifahrer angesprochen. Zwar habe ich ein Behindertenzeichen auf der Rückscheibe seines Autos gesehen, aber nicht erwartet, dass er selbst keine Beine mehr hat und auch sein Gesicht nicht unbedingt fahrtüchtig wirkt. Zwei junge Männer erklären ihm, wo ich hinwill, aber sie geben ihm wahrscheinlich nur die allgemeine Richtung an. Er fährt zum Charles-Aznavour-Platz, von wo die Strasse mit meinem Bed and Breakfast gemäss Stadtplan einen Katzensprung entfernt läge. Aber da ich meinem Stadtplan selbst nicht mehr traue, will ich den Fahrer nicht zurechtweisen oder ihn lotsen. Zwar sage ich ihm, dass er die erste Strasse nach links nehmen müsse, aber er fährt mit grosser Selbstverständlichkeit an allen Strassen nach links vorbei, bis ich Einspruch erhebe und ihn zurückzufahren heisse, worauf er bei der erstbesten Strasse nach links abbiegt, wo er nun nach rechts abbiegen müsste. Er wirkt wie ein verstocktes Kind. Vielleicht zeigt er denselben Widerstand, den ich in Tifliser Bussen erlebte. Wo Billetkontrolleurinnen Schwarzfahrer zwingen, ein Billet zu lösen, was diese nur nach wiederholtem Bocken tun. Verweigerung als einzige Möglichkeit einer Reaktion in einem System?

Obwohl ich ihn wiederholt dazu zwinge, Leute nach dem Weg zu fragen, ignoriert er weiterhin standhaft meine Strasse, die, wie auf der Karte angegeben die erste Strasse nach links nach dem Platz war, wie sich später herausstellen sollte. Doch irgendwann gelingt es selbst ihm nicht mehr, an meiner Strasse vorbeizufahren. Brummend nimmt er mein Geld entgegen, so als hätte ich seinen Aufwand zu wenig entschädigt. Im Nachhinein schäme ich mich meiner Ungeduld und dass ich ihn verdächtigte, bewusst in die Irre zu fahren. Mein Gastgeber erklärt mir, dass Taxifahrer generell nach markanten Anhaltspunkt fahren und sich durchfragen, weil sie die Strassen nicht kennen, die im Laufe der Geschichte sowieso wiederholt den Namen gewechselt haben. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich meine Drohung, auszusteigen und zu fuss zu gehen, nicht wahrgemacht habe, nur weil ich einen Plan hatte. Vielleicht hätte der Taxifahrer dann den ganzen Tag nichts verdient und ich hätte mich um das Erlebnis gebracht, die Gegend um mein Bed and Breakfast kennenzulernen. So gesehen hat mir der Taxifahrer eine Citytour geboten.

Gjumri hiess ursprünglich Kumajri. Nachdem russische Truppen den Südkaukasus erobert hatten, wurde aus Kumajri Alexandropol. In der Sowjetzeit hiess die Stadt Leninakan, 1990 wurde sie kurz wieder Kumajri genannt und danach Gjumri getauft. Gjumri stand im Schatten von Tiflis. Als wichtigste Stadt zur Verwaltung der südkaukasischen Provinzen baute das zaristische Russland in Tiflis prächtige Residenzen, Museen und Strassen im Stil des Sankt Petersburger Klassizismus. Aber Alexandropol hatte eine grosse strategische Bedeutung, weil sich hier Handelswege zum Schwarzen Meer und zum Mittelmeer kreuzten. Deshalb wurde Gjumri zur zweitschönsten Stadt mit einstöckigen Handwerks- und zweistöckigen Patrizierhäusern ausgebaut. Um 1900 war Gjumri Teil der Zuglinie von Sankt Petersburg nach Baku. Nach Westen führte eine Linie nach Kars in der heutigen Türkei und eine andere über Yerewan nach Täbris im Iran. Doch währte der Glanz der Stadt nur kurz. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Landesgrenzen neu gezogen und Gjumri abgeschnitten. Der Ararat, die bedeutende alte Hauptstadt Ani und mit ihm das einstige Westarmenien wurden türkisch und waren nur noch über Georgien erreichbar. Zumindest lief der Handel mit Kars dank der Zugverbindung noch bis zum Jahre 1993 weiter. Dann wurde auch diese Grenze geschlossen und Gjumri lag am Arsch der Welt. Abgeschnitten von sowjetischen Rohstoffen schlossen die riesigen Textilfabriken, die Baumwolle aus Usbekistan bezogen hatten. Das schwere Erdbeben im Jahre 1988 hat die meisten sowjetischen Gebäude zerstört, während die Häuser der Altstadt überlebten, wenn auch unter ihnen viele in einem schlechten Zustand sind. Die Leute sind weitgehend arbeitslos.

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Der Freiheitsplatz

Gjumri ist die einzige armenische Stadt mit einer „Altstadt“, auch wenn diese nur bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert zurückreicht. Der Freiheitsplatz ist sowjetisch. Er wurde wohl für Paraden und den Auftritt von Vartan Mamikonian, einen Helden aus dem fünften Jahrhundert, geschaffen. Nicht für heutige Passanten, die sich auf dem riesigen Platz eher verpassen und verlieren als dass sie sich begegnen. Von der Westseite prescht Mamikonian auf einem Sockel hoch zu Pferde in vollem Galopp in Richtung Rathaus. Das Kreuz hocherhoben, das Schwert gerade nach vorne gestreckt, hat er in der Schlacht von Awarayr im Jahre 451 die Perser besiegt. In der Schlacht trafen persischer Zoroastrismus auf frühes Christentum. Nach dem siegreichen Ausgang wurde den Armeniern die Religionsfreiheit zugesichert, während im Iran nicht viel später der Islam Einzug hielt und Zoroastrier unter anderem nach Indien flohen. Der Platz wird im Norden und Süden von der Muttergottes- und der Erlöserkirche eingerahmt. Auch das Rathaus steht auf einem Sockel, als wollte es über das Volk präsidieren und nicht ihm zu Diensten sein. Ein Platz für Ideologien und kriegerische Aufzüge. Die paar Alten, die auf den Bänken neben Vartan sitzen, wirken verloren und die Elektroautos für Kinder stehen unbenutzt herum.

Nur wenige Touristen besuchen Gjumri, obwohl die Stadt einen idealen Stopp zwischen Tiflis und Yerewan darstellt. Aus Nostalgie und Sympathie für die Stadt beschliesse ich, die Rückreise nach Yerewan im Zug zu machen und erlebe mehrere Überraschungen. Das Bahnhofsgebäude ist beste Architektur. Es verbindet die Schlichtheit moderner langgezogener Gebäude der Neunzehnhundertzwanzigerjahre mit einer Schalterhalle, die nicht bombastisch wirkt wie die sonstigen stalinschen Bahnhofshallen. Sie ist zwar riesig und vermittelt das Raumgefühl einer Moschee. Über ihrer quadratischen Form schwingen sich hier halbrunde Bögen, deren Enden sich überkreuzen. Darüber schwebt eine schirmartige Betonkuppel mit Dreiecksfenstern am Ansatz, die in ein rundes Dachfenster mit einer gelben Sonne vor hellblauem Grund mündet. Von dort hängt ein riesiger Leuchter herunter. Alles ist gross und wirkt trotzdem leicht, beschwingt und warm wie Sonnenlicht. Die Sonne scheint fröhlich klassisch, selbst in kalten Wintertagen.

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Im Zug nach Yerewan.

Auf dem Gleis steht der Zug schon eine halbe Stunde vor Abfahrt bereit und fährt pünktlich ab. Die Wagen nach Yerewan sind mit breiten bequemen und blitzsauberen Holzbänken ausgestattet. Die Fahrt führt in ein anderes Zeitalter. Man fährt mit maximal vierzig Stundenkilometern durch baumlose Hochebenen. Schafherden bilden Flecken in der Landschaft, Kühe stehen einzeln herum. Abgeerntete Stoppelfelder wirken wie Fell, leuchten strohgelb, ihre Farbe vermischt sich mit dem dunklen Boden zu Brauntönen in allen Nuancen, die manchmal fast ins Schwarze übergehen. Die Fahrt wird zur Meditation, der Genuss der Entschleunigung ist unerhört, der Blick durchs Fenster auf die endlose Landschaft macht süchtiger als jeder erleuchtete Bildschirm und saugt mich in ihre Weiten hinein. Wir fahren durch die Landschaft, in der Landschaft und nicht über sie hinweg, wie dies Hochgeschwindigkeitszüge dies tun. Obwohl Armeen und Völker über diese Landschaften zogen, scheint sie wenig geschichtsversehrt, sondern weit wie eh und je, der wilde Osten.