Srinagar: Die Sufis sind verstummt

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In Srinagars Gassen.

Kaschmir ist bekannt für seine Naturschönheiten und Mogulgärten, für Grenzkonflikte und Kriege seit der Unabhängigkeit Indiens, für seine alte buddhistische Kultur, als Zentrum des shivaistischen Tantrismus und sufistischer Traditionen. Wie sieht die Situation im Juli 2015 in Srinagar aus?

Wir kamen im Jeep aus der Gebirgswüste Ladakhs nach Kaschmir mit seinen Pappelalleen, Reisterrassen und Obstplantagen hinunter. Die 434 Kilometer lange, 1962 gebaute Militärstrasse führt von Leh dem Indus entlang auf einem alten Karavanenwegs und an einem acht Meter hohen Maitreyabuddha vorbei über den Sojipass nach Srinagar. In Ladakh wird die Strasse im ganzen Industal von Militärbaracken gesäumt, in Kaschmir standen in jedem Ort indische Soldaten mit Gewehren am Strassenrand bereit. Ungefähr sechshunderttausend Soldaten sind in ganz Kaschmir stationiert. Das eidgenössische auswärtige Amt rät, nur die Militärstrasse zu benutzen und in Kaschmir selbst nicht herumzureisen, sondern von Delhi nach Srinagar zu fliegen. Auch sei die Stadt am Freitag Abend zu meiden. Im Juli 2015 erscheint die Stadt am Dalsee mit ihren berühmten Hausbooten und Mogulgärten inmitten majestätischer Berge jedoch friedlich. Tausende indischer Touristen benutzen Srinagar als Zwischenstation, bevor sie die Pilgerreise zum berühmten Shivaheiligtum Amarnath in den Bergen antreten, wo ein natürlicher Shivalingam zwischen Mai und August von schillerndem Eis umhüllt wird. Ein Jahr später, im Sommer 2016, war die Stadt wahrscheinlich ohne Touristen. Ein islamistischer Rebellenführer war getötet worden, seinem Begräbnis folgten 20000 Menschen, seither greifen insbesondere junge Kaschmiris wieder zu Gewalt gegen die indische Besatzung im Kampf für die Unabhängigkeit. Wenn sie sterben, werden sie als Märtyrer gefeiert.

Es fällt nicht leicht, über Srinagar zu schreiben. Immer wieder hatte ich im Juli 2015 das Gefühl, dass ich genau darüber ausgefragt wurde, was ich tat, und dass alle Leute, mit denen ich sprach, in einem ganz spezifischen Film waren, in dem sie und ich Rollen spielten, die ich nur erahnen konnte. Ein kaschmirischer Händler mit einem Laden in Südindien lud zwei weitere Frauen und mich spontan zu sich nach Hause ein. Dort gab es eine Teppichshow, Tee und Brot, er hörte nicht auf zu reden, bot uns gratis Zimmer an und lud uns zu einem Lunch inklusive Stadttour ein. Keine Ahnung, wie das alles zu verstehen war. Die Meinungen über den Zustand des Dalsees gehen weit auseinander. Hausbootbesitzer behaupten, unterirdische Röhren würden die Abwässer sauber abführen, Nichtbootbesitzer beklagen die Verschmutzung des Sees. Spannungen sind überall spürbar, doch sehe ich als Touristin nicht hinter die Fassaden.

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Der Kanqah Shah-i-Hamadan, ein Holzschrein mit Pappmascheearbeiten.

Ich hatte gehofft, hier lebendige Sufitraditionen anzutreffen, weil die Stadt bekannt dafür ist. Davon ist heute nichts mehr spürbar. Mir scheint, es ist kein Zufall, dass 2012 der Dastgir Sahib Schrein aus unbekannten Ursachen niederbrannte. Die Reliquien von Sheikh Abdul Qadir Jeelani, einem Heiligen aus dem Iran, der im 11. Jahrhundert gelebt hatte, wurden zwar gerettet und der Schrein wieder aufgebaut, aber ob der Sufismus noch lebt, scheint mir fraglich. Obwohl der Heilige von Muslimen wie Hindus verehrt wird, sieht man keine indischen Touristen im Schrein, wie die Altstadt sowieso nicht zu ihrem Pilgerprogramm gehört. Im Makhdoom-Sahib-Schrein ist Singen verboten. Das stand auf mehreren gedruckten Zetteln, die im Schrein hängen. Doch ist ein Sufischrein ohne hingebungsvollen Gesang kein Sufischrein mehr. Der Kanqah Shah-i-Hamadan mit seinen schönen Holzschnitzereien und Reliefs aus Pappmaschee steht nur muslimischen Männern offen. Von der Offenheit und Lebendigkeit sufistischer Schreine scheint nichts übrig geblieben. Nun dominiert ein von aussen gesehen recht konservativer Islam, welcher Kaschmirs heiligster Reliquie, einem Barthaar des Propheten Mohammed, die riesige Hazratbal-Moschee gewidmet hat, die den Charme eines schäbigen Hotels mit abblätternden Mauern verströmt. 1963 verschwand das Barthaar unter ungeklärten Umstanden vorübergehend.

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Der Rosabalschrein.

Ich kam mit Schwarzweissfotos von der Altstadt Srinagars im Kopf in diese Stadt. Man findet die alten Häuser aus Backstein und Holz mit ihren Schnitzereien und Holzbalkonen noch, auch wenn viele alten Handelshäuser am Zusammenfallen sind und Schwarzweissfotos nicht stinken, die Quartiere am Dalsee jedoch schon. In der Altstadt steht nicht weit vom Dastgir Sahib Schrein auch der kleine, grün angestrichene Rosabal-Schrein, in dem der Heilige Yus Asaf begraben liegt. Das sei Jesus behauptete als erster Mirza Ghulam Ahmad (1839-1908), ein religiöser Führer aus Srinagar, der sich im Verlauf seines Lebens als Reinkarnation von Jesus und Krishna sah. Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern nach Srinagar weitergezogen. Historisch lässt sich nicht beweisen, dass Yus Asaf Jesus war. Im Koran steht in der Sure 4 im Vers 157, dass die Juden nicht den Messias sondern „einen ihm ähnlichen“ gekreuzigt hatten. Auch dies nutzten einige Autoren zur Theorie, dass Jesus nicht nur in der Zeit bis zu seinem öffentlichen Auftreten in Indien lebte, sondern eben auch nach der Kreuzigungsgeschichte. Zur Untermauerung ziehen Autoren wie Notowitch Manuskripte hinzu, die ausser ihnen niemand mehr gesehen hat.

Mir ist es einerlei, welcher Heilige hier begraben liegt. Hauptsache es gibt diese Schreine noch. Denn sie zeugen davon, dass Kaschmir ein Zentrum vieler religiöser Strömungen war. Da ich es angesichts der politischen Unsicherheit nicht wage, in Kaschmir herumzureisen, bleibt nur ein Gang ins Sri Pratap Singh Museum, um mehr über Kaschmirs Vergangenheit zu erfahren. Dort überraschen mich hervorragende hinduistische und buddhistische Skulpturen und ich lese, dass Kaschmir schon im dritten Jahrhundert vor Christus unter Kaiser Ashoka ein buddhistisches Zentrum war. Über tausend Jahre später reisten kaschmirische Künstler in den Himalaya und schufen in Ladakh Wandmalereien wie diejenigen des Klosters Alchi und meisselten Buddhafiguren wie den genannten acht Meter hohen Maitreya von Mulbek am Karavanenweg in die Felsen. Später siedelten sich hier shivaistische Schulen und machten Kaschmir zu einem Zentrum tantrischer Lehren, die vom achten bis dreizehnten Jahrhundert hier und in Assam eine Blütezeit erlebten. Tantrische Lehren waren eben so wenig Mainstream, wie es der Sufismus heute in Srinagar ist. Und es wäre heute in Srinagar, im Gegensatz zu Varanasi, nicht mehr vorstellbar, dass wie einst ein tantrischer Meister namens Trighantika nackt, mit Kot beschmmiert, betrunken und von seinen Anhängern gestützt zu einem Haus geführt würde, um Rituale abzuhalten.

Vom Shivaismus ist nur der Shivatempel auf dem Shankarajaryahügel übriggeblieben. Um auf den militärisch streng bewachten Hügel zu gelangen, wird zuerst das Auto registriert und oben tasten Soldatinnen die Besucherinnen ab. Mobiltelefone und Kameras sind nicht erlaubt. Und „No plastic behind this line“ verbietet das Fortwerfen von Plastik. Ich stelle mich in die Schlange an der Treppe, um in den Tempel zu gelangen. Ein Inder weist einen anderen zurecht, der sich vordrängen will. Im kreisförmigen Innern steht ein eindrücklicher Shivalingam, auf den aus einem grossen Topf Flüssigkeit tropft. Eine silberne Schlange umschlingt seinen Schaft, den Kopf schützend über den Lingam gelegt. Die Luft ist stickig, ich bekomme Prasad, weisse Zuckerkristalle, auf die Hand und geniesse danach von der Plattform um den Tempel die Sicht auf die Stadt mit dem Dalsee.

Der Shivatempel geht nach ungesicherten Angaben bis auf das zweite Jahrhundert vor Christus zurück. Ich las, dass hier eine zeitlang ein buddhistischer Tempel stand und dass Perser und Juden den Hügel den Garten Salomons nannten. Auf der Treppe zum Tempel befinden sich laut wikipedia persische Inschriften, auf denen steht, dass der Bihishti Zargar diese Säule im Jahre 54, das ist 78 nach Christus, gemacht hat. Dass Khwaja Rukun, Sohn von Murjan, diese Säule aufgestellt hat. In dieser Zeit proklamierte sich Yus Asaf als Prophet. Er ist Jesus, der Prophet der Kinder Israels. Gut möglich, dass diese Inschrift ausser dem Schreiber bisher niemand gesehen hat. Aber darauf kommt es mir nicht an. Eben so wenig, wie es für mich eine Rolle spielt, ob ein Barthaar des Propheten in Srinagars Moschee liegt. Wichtiger scheint mir, ob man unterschiedliche Deutungen eines Ortes zulässt, so dass er vielen Menschen etwas bedeutet. Diese Zeit ist in Srinagar noch nicht zurückgekommen.