Sankt Petersburg – Walrosse an der Newa

Peter und Paul Festung.

Sie scheren sich nicht um die Tausenden von Touristen, von denen sie potenziell angestarrt und fotografiert werden. Sie liegen auf einem schmalen Betonstreifen oder lehnen sich an die Festungsmauer der Peter und Paul Festung. Halten ihre Körper der Sonne und dem Wind entgegen. Vielleicht leben die Walrosse von Sankt Petersburg in einer Welt, wo Touristen wie Insektenschwärme auftauchen und vorüberziehen. All die Touristen, die beim Besuch der Peter und Paul Festung durch einen Korridor in der Festungsmauer auf einen Steg hinaustreten, von dem aus sie den Winterpalast auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Newa und die Walrosse fotografieren, sind für sie platonsche Schatten, die das wahre Leben nicht begriffen haben. Und begreifen hiesse, dass man in einer Welt der Ideen leben kann und muss, weil die Realität selten eine stimmige Grundlage liefert. Die Touristen bleiben ausserhalb dieser Welt, sie fotografieren Paläste. Die Walrosse hingegen sagen sich: Was solls, dass das Wasser der Neva eine braune Brühe ist. Ist der Himmel blau, leuchtet die Neva dunkelblau, manchmal fast schwarz. Auch in schwarzem Wasser kann man schwimmen und sich tragen lassen. Manche Walrosse tragen Badehosen, andere scheinen nackt, eines läuft in Trainerhosen den schmalen Betonstreifen am Fuss der Festungsmauer in Richtung Steg, wo ich stehe. Am anderen Ende der Festung befände sich ein Sandstrand. Aber heute ist es windig und die Walrosse haben sich in eine Ecke verzogen. Ein Sandstrand ist ein Accessoire für Menschen ohne Fantasie. Die Walrosse sind frei genug, Beton, Festungswände und braunes Wasser zu ihrem Freiraum zu machen. Und machen wirs oft nicht ähnlich? Wir erklären begrünte Balkone zu kleinen Paradiesen, joggen durch die Stadt und denken uns die frische Luft, wir essen thailändisch, wenn uns nach Ferien ist. Im Winter schlagen die Walrosse Löcher ins Eis und springen hinein. Sie trotzen allem, als wäre das Leben ein grosser Widerstand gegen die Realität. Ich bewundere ihre Disziplin.

Es ist ein seltsamer Zufall, dass in den Gängen und Zimmern des Hotels Agni Plaza Bilder von Nicholas Roerich hängen. Sie zeigen allesamt Menschen, die meditierend, wandernd, durch die Gegend streifend in einer märchenhaften Bergwelt des Himalaya unterwegs sind, scheinbar schwerelos. Die Bilder suggerieren, der Mensch könne eins mit der Natur sein.

Nicholas Roerich wurde in Sankt Petersburg geboren. Er lernte den indischen Himalaya ab 1923 kennen und fand im Kullutal im indischen Himachal Pradesh eine zweite Heimat. Stark beeinflusst von Ideen der Theosophischen Gesellschaft schuf er Landschaftsbilder, die Seelenbildern gleich Sehnsüchte nach Verschmelzung mit den höchsten Höhen zeigen und damit einhergehende höhere Einsichten. Meist tragen seine Menschen asiatische Gesichtszüge und eine Art Kimono. Einer geht über eine Brücke, als habe er den Weg gefunden. Ein anderer sitzt in einer warm beleuchteten Höhle, während es draussen dunkel und kalt ist. Eine schöne Frau sitzt leicht bekleidet auf einem Felsvorsprung in höchsten Höhen und füllt ihre Tonamphore mit reinem Quellwasser. Ich glaube nicht, dass sie in natura einer reineren Welt unterwegs ist als die Walrosse von Sankt Petersburg. Wahrscheinlich sitzt die leicht Bekleidete in natura in einer bürgerlichen Wohnung und träumt nur von diesen höchsten Höhen, die man ja nicht so mir nichts dir nichts, barfuss mit einer Amphore gebuckelt, erklimmt. Da lob ich mir die erdenschweren Walrosse. Sie exerzieren in den Niederungen des Alltags ihre Wünsche tatsächlich durch, wenn sie ins eiskalte Wasser springen und dabei mal höher, mal weniger hoch fliegen. Bestimmt schaffen sie auch Bilder von strahlendem Blau und felsigen Paradiesen und Bier und Wodka und Würsten dazu.

In meinem Zimmer hängt Roerichs Bild eines Flöte spielenden Prinzen. Er sitzt vor einem dunklen Stamm, der seinen Körper wie eine dunkle Hülle umspielt und Anklänge an eine Höhle hat. Zartrosa austreibende Blüten von Sträuchern und Ästen spriessen wie Feuerwerke um ihn herum aus. Das sieht aus, als würde er aus einer dunklen Ecke den Frühling in die Welt spielen. Eine Sinfonie blauer Bergrücken, die von einem schneebedeckten Massiv am Horizont abgeschlossen werden, zieht sich von links ins Bild über die rosa Sinfonie blühender Äste. Terrassierte Felder in Grün und Gelb bilden den Talboden. Der Prinz trägt eine Krone. Doch wirkt diese nicht mächtig, denn der schlanke Jüngling ist ein Naturprinz in einem einfachen Gewand. Die Walrosse meditieren auf ihre Art und gehen im kältesten Winter pickelhart ihrer Sehnsucht nach, eins mit der Natur zu werden. Wenn sie ins Wasser springen, knallen die Sektkorken und der Frühling schiesst aus allen Poren und erzeugt einen rosa Blütenregen über ihren Köpfen, wo in natura der Schnee fällt.

Die Natur ist selten so einfach märchenhaft schön wie auf Roerichs Bildern. Meist stören Insekten, spitze Steine, die eigenen Gedanken legen sich quer über den Weg und ich stolpere über die Unvereinbarkeit meiner Innenwelt mit meiner Umgebung. Berge sind dann Kuhweiden und eine Ansammlung von Felsen. Von erhebenden Gefühlen und geistigen Höhenflügen wie auf Roerichs Bildern, nur weil man höher steigt, keine Spur.

Auf einem von Roerichs Bildern greift ein Wanderer den Saum eines langen Kleides einer weiss gekleideten Gestalt, von der er nicht mehr als einen Zipfel fassen kann, weil die ätherisch weisse Gestalt sich entzieht und wohl immer entziehen wird. Und trotzdem. Wer möchte nicht immer wieder trotzdem versuchen, einen Zipfel zu fassen oder den Frühling in die Welt zu flöten, egal wie oft es gelingt. Der Geduldige und Enthusiastische versucht es. Er überquert Brücken und taucht in die Newa, er spielt Flöte und weiss, wie sich der Moment anfühlt, wenn er für einen Augenblick einen Zipfel von etwas fasst, blüht er und verblüht.