Moskau – Der Narr auf dem schönen Platz

Im Kreml.

So sehen keine Kirchen aus, geht mir beim Anblick russischer Kirchen ständig durch den Kopf. Diese Ansammlung von Türmchen mit Zwiebelkuppeln und Kreuzen, oft mit Halbmonden als Basis, auf russischen Kirchen wirkt wie ein zigfach umgedachtes religiöses Konglomerat. So als würde man Islam und Christentum zusammensetzen wollen. Man fing mit Minaretten an und baute mehr oder weniger hohe Tamboure. Dann kam die Frage nach der Kuppel. Man entwarf Helme, variierte in Richtung Stupas und einigte sich auf die Zwiebelform, die religiös noch unbesetzt war. So tobte man sich bei der Zwiebel aus, rundete sie unten so zu, dass sie fast abheben konnte, drückte sie zusammen wie einen flachen Pfirsich oder gab ihr eine Kerzenform. Dann stellte sich die Frage, wie man Kreuz und Halbmond zusammensetzen wollte. Rein optisch eignete sich der Halbmund mehr als Basis für das Kreuz, das aus ihm emporwuchs. Und so enden die Türmchen also in Kreuzen, die sehr oft aus Halbmonden wachsen.

So, stelle ich mir vor, sind die russischen Kirchtürme entstanden. Und man freute sich an ihrer Vielgestaltigkeit. Man freute sich so sehr, dass man die Zwiebeln farbig machte. Mal waren sie grün wie die Hoffnung, Blau für Maria, Schwarz für die Erde oder Gold für das ewige Leben.

Basilius-Kathedrale, Moskau.

Und weil man sich an der Farbigkeit so freute, liess Iwan der Schreckliche eine noch farbigere Kirche bauen. Natürlich in rot, weil für rot und schön im Russischen einst derselbe Ausdruck verwendet wurde. Was auch den Namen des roten Platzes erklärt, der eigentlich einen schönen Platz meint. Die aus roten Backsteinen mit weissen Verzierungen gebaute Kirche war nach dem Sieg über das mongolisch-tatarische Kasan entstanden. Ursprünglich zwar weiss und die Kuppeln golden oder grün, je nachdem, wo man liest. Aber vereinfachen wir und nehmen die Kirche, so wie sie heute dasteht. Da dieser Sieg die erste Erweiterung Russlands in Richtung Vielvölkerstaat bedeutete – Kasan war muslimisch – kann ihr Aussehen auch als ein politisches Statement angesehen werden. Eine Kathedrale als Symbol für den Vielvölkerstaat, eine christliche Moschee. Das erklärt ihr orientalisches Aussehen und dass die Türme noch dominanter werden. Man hat das Gefühl, die Kirche sei ein Konglomerat von Türmen.

Doch fällt die Basiliuskirche auch sonst aus dem Rahmen. Ihre farbigen Zwiebeln mit je eigenem ornamentalem Muster drängen sich dem Blick auf. Blauweisse und grünweisse Zwiebeln zwirbeln wie Kinderkreisel in den Himmel, eine andere gefällt sich in rotweissem Zickzack, das sich zu Wellen ebnet. Das Ganze wirkt fröhlich, jeder Turm individuell, so als würden sich Turbanträger verschiedener Herkunft auf dem Platz träfen und ihre je eigenen Hutmoden vorführten.

Der Eindruck von Vielfalt und Asymmetrie wird noch erhöht, weil die Kirche in keinem rechten Winkel zu anderen Mauern steht. Und meine Freude an ihr nimmt nochmals zu, seit ich weiss, dass Wassilij Blaschennyi, genannt Basilius der Selige, der Heilige, welcher der Kirche den Namen gab, ein Narr in Christo war Er lief nackt durch Moskau, durfte in seiner Stellung als Narr auch Iwan dem Schrecklichen die Wahrheit sagen und wurde in der Kathedrale beerdigt. Wo sonst auf der Welt findet man eine solche Kirche, auf dem Hauptplatz der Hauptstadt, die einem Narren gewidmet ist. Auch wenn sie offiziell auch der Maria gewidmet ist.

Ich erfuhr von der russischen Führerin Olga, dass es bis zur Revolution in jedem Ort einen solchen „Plaschen“ gab. Das Wort kommt von „Plagodat“, das heisst Gnade. Diese Heiligen oder Narren waren also von Gott Begnadete. Ich wünschte mir, dass Russland erneut solche Freude, die ich in der Basiliuskathedrale sehe, für seinen Vielvölkerstaat empfindet und in Zukunft nur noch christliche Moscheen oder muslimische Kirchen baut, in denen Narren beerdigt werden. Im vollen Wissen darum, dass die Realität weit davon entfernt ist.