Edinburgh – Der Schirm

Manchmal findet man zur richtigen Zeit den richtigen Ort. Mich fand The shore, Bar und Restaurant mit Live Musik im Hafen von Leith. Seine Fassade besteht aus schwarz lackierten Holzsäulen und grossen Fenstern, die oben mit farbigem Glas abschliessen. Auf goldenen Buchstaben steht der Name des Restaurants und selbst an einem Montag Mittag, um zwölf, brennen die runden opaken Lampen vor dem Schwarz in einem matten Gelb, als wollten sie sagen, dass the shore jederzeit ein rettendes Ufer ist, wo immer Lichter brennen.

Ich betrete den Ort durch einen Windfang, der nicht geradeaus, sondern nach rechts von der Seite her in den Raum führt. Ich begreife die Auswirkungen dieser simplen Abzweigung erst allmählich. Dadurch trampen neu ankommende Gäste nicht direkt in den Raum, sondern schleichen sich von der Seite her rein und stören nicht die Harmonie eines Ensembles aus fünf weissen runden Marmortischen. Zwei stehen mitten im Raum vor dem halbrunden Windfang. Drei Tische mit Bänken, auf denen rote Kissen liegen, ziehen sich der verspiegelten Wand entlang. Nur eines ist schwarz. Ich setze mich auf die Bank mit dem schwarzen Kissen. Es erinnert mich an eine Geschichte über Queen Victoria. Sie und ihr Gatte Albert liebten bekanntlich die Highlands und verbrachten viel Zeit in ihrem Schloss in Balmoral. Aber Queen Victoria hatte eine Abneigung gegen schwarze Schafe und Kühe. Deshalb verordnete sie den Bauern die Züchtung weisser Schafe und roter Kühe. Diese beiden Farben dominieren noch heute bei den Tieren. Ein einziges schwarzes Tier in einer Herde gilt jedoch als ein glückliches Zeichen.

Das Restaurant wirkt Französisch, nicht nur wegen den Reklamen für Ricard und Pâtes de foie gras aus Strassburg. Ich sitze im Barteil mit dunklem Täfer und dunkelrot bemalten Wänden. Die Bar mit ihrer grossen Auswahl an Weinen bildet das Cockpit und spiegelt sich in der gegenüberliegenden Wand. Eine dunkelhäutige Kellnerin mit gelockten schwarzen Haaren trocknet von Hand Biergläser ab und stellt sie auf den Tresen. Dann füllt sie Eis in den silbernen Champagnerbehälter, der mit Traubenreliefs geschmückt ist, und stellt Weissweinflaschen und eine Flasche Rosé hinein. Sechs Zapfhähne für Bier und eine lange handgeschriebene Liste von Whiskies runden das Angebot ab. Eine Tür führt in einen Speisesaal. Seine Wände sind zwar ebenfalls aus dunklem Holz, oben jedoch weiss gestrichen, was den Saal heller macht.

Ich bin lange Zeit der einzige Gast, bis sich ein Mann vor mir an die Bar setzt. Er liest die Zeitung, isst etwas, der Pöstler legt mit einem „Hi Dear“ Briefe ab und der Mann greift nach ihnen. Er gehört also zum Inventar. Ich ebenfalls, zusammen mit dem schwarzen Schirm, der vielleicht immer an der Wand hängt, weil Dinge und Menschen einen Platz finden müssen. Die weissen Marmortische mit den schwarzen gusseisernen Beinen schweben wie Mondscheiben in der Dämmerung. Im Kamin brennt eine Kerze statt einem Feuer, weil ein Kamin ohne Feuer verweist wäre. Auf jedem Tisch brennen Kerzen in milchweissen Schalen. Man kommt ins the shore, um von Dingen und vom Süden zu träumen, der dank spanischer Musik im Raum schwebt.

Über dem Eingang und über dem Durchgang in den Speisesaal leuchten farbige Gläser. Sie zeigen Früchtebouquets auf einem blauen Fluss, der oben und unten von grünen Wiesen eingefasst wird. Letzthin schwamm ich im Traum in einem Fluss, nur war der sandfarben und dickflüssig wie bleiches Karamell. Ich kraulte einem Boot mit zwei Aussteigern nach, die sich auf eine Mission begeben hatten. Mein Hintern und meine Arme erschienen immer wieder wie eine Welle an der Oberfläche, ohne dass das Karamell meine Haut überzog.

Ich hatte beschlossen, an meinem letzten Tag in Schottland fish and chips zu essen, die mir nun mit einem Glas Viognier serviert wurden. Ich hatte die Variante mit Phanko-Brotbröseln bestellt, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass fish and chips nicht viel anders als die Fischstäbchen meiner Kindheit sind. Ohne Mayonnaise, Ketchup Salz und Zitrone schmeckt das Gericht nach nichts ausser Frittiertem – dem Grundgeruch Englands und Schottlands. Der Kaffee wurde perfekt in einer dicken weissen Tasse serviert, eine Schale mit braunem Zucker dazu.

Nach einer Stunde betraten weitere Gäste das Restaurant. Eilfertig nahm die Kellnerin die Fernbedienung und stellte den Fernseher ein. Ein Tennis-Turnier wurde übertragen und eine Realität mit knallharten Schlägen schlug auf mich ein. Zeit zu gehen. Das schwarze Kissen und der schwarze Regenschirm bleiben und schirmen Tag für Tag die Unruhe der Welt eine zeitlang ab.