Tauziehen

Das Seil war zum Zerreissen gespannt, etwa einen halben Meter über dem Gras. Auf beiden Seiten lagen je fünf Männer schräg im Seil, die eine Mannschaft in roten, die andere in schwarzen Oberteilen. Sie hielten das faustdicke Tau mit beiden Händen und lehnten sich so weit wie möglich zurück, um das Seil auf ihre Seite zu ziehen. Tug of war heisst der alte Sport auf Englisch.
Im Ort Luss am Loch Lomond, einem See und Naherholungsgebiet in der Nähe von Glasgow, fanden die Highland Games statt. Wir kamen kurz vor dem Ende der Spiele an, die meisten Wettkämpfe und Tänze waren schon vorbei. Doch das Tauziehen war noch im Gange, wenn man diese Form von reglosem Standhalten im Gange nennen kann. Nebenan schwangen Männer im Kilt ein Gewicht mit halbrundem Griff mit einem Arm in elegantem Schwung hinter sich über ein Hochsprungseil. Weight over the bar heisst diese Disziplin. Was einfach aussieht, braucht viel Kraft und Grazie. Wer schwingt schon locker ein 25 Kilogramm schweres Gewicht über eine hohe Stange.
Die Wege waren matschig, die Essstände wurden abgeräumt, die verbliebenen Stände boten Süssigkeiten oder Souvenirs an. Eine weitgereiste Zigeunerin bot in einem Wohnwagen Weissagungen an.
Die Männer am Seil regten sich nicht. Es sah aus, als wäre dieser Sport eine pure Nervenübung. Das Seil war zum Zerreissen gespannt, doch würde nur die Konzentration der Mitspieler irgendwann reissen. Wer verlor die Nerven zuerst, wer regte sich unbedacht, so dass sich die Spannung für den Bruchteil einer Sekunde veränderte und es dem Gegner erlaubte, das Seil auf seine Seite zu ziehen?
Tauziehen tönt nach Kinderkram. Aber ich war wider Erwarten fasziniert von der Reglosigkeit dieses Spiels und schaute hypnotisiert auf das Seil. Gut möglich, dass zu anderen Zeiten das Leben davon abhing, das Seil nicht loszulassen und es auf seine Seite zu ziehen. Auch wenn es massiv dicker war als der sprichwörtliche Faden, an dem das Leben hängt, brauchten die Männer Durchhaltevermögen und Nerven wie Drahtseile. Alle diese Redewendungen wurden in diesem Spiel konkret.
Der Trainer der Roten flüsterte seiner Mannschaft irgendwas zu. Aber es geschah nichts. Einmal leitete er wild mit den Armen rudernd eine Attacke an und stiess Brunftlaute aus, worauf die Teilnehmer ebenfalls stöhnten. Doch nützte alles nichts. Wenig später, infolge einer für uns Zuschauer unsichtbaren Spannungsveränderung kam das Seil in Bewegung, die Roten stolperten nach vorn und die  Schwarzen zogen das Seil über die Markierung in der Mitte. Die Spannung war gelöst – wie nach jedem Spiel. Und vielleicht überkam Sieger wie Besiegte eine grosse Leere. – wie nach jeder grossen Anspannung.