Heiliger Phallus

dsc01488Im Punakhatal in Bhutan liegt auf einer Hügelkuppe über dem Mo-Fluss das Kloster des bhutanesischen Volksheiligen Drukpa Kunley. Der Weg zum Kloster führt durch Reisfelder. Im Herbst schlagen Frauen die Reiskörner aus den gelben Garben oder schichten diese, mit den Reiskörnern nach innen, zu kleinen runden Hütten mit einem Strohdach, in dessen Innerem der Reis trocken gelagert werden kann.

Dass der Pfad zum Kloster oft von Touristen begangen wird, zeigen Läden mit vielen Phallus-Nippes in traditionellen Häusern. Denn der Volksheilige Drukpa Kunley ist bekannt für seinen potenten Phallus, der das Rad der Lehre Buddhas mit seinem kreisenden Glied illuminierte und die Welt besprengte, damit sie fruchtbar werde. Solch fruchtbare Riesenphalli sind seither auf die Hausfassaden der Gegend gemalt.

Der Weg führt über Treppen an einer Gebetsmühle vorbei zu einem Bodhibaum auf der Hügelkuppe, der kreisförmig von Bänken umgeben ist.  Vor dem Kloster steht ein schwarz, rot und weiss angemalter quadratischer Chörten. Unter ihm hatte Drukpa Kunley eine Dämonin begraben, welche das Tal terrorisierte. Sie überfiel Leute, welche den Dochu La, den Dochupass nach Thimpu, nehmen wollten. Als sie Drukpa nahen sah, verwandelte sie sich in eine Hündin und rannte vom Pass zu eben jener Hügelkuppe, wo Drukpa sie tötete. Sein Bruder liess hier 1499 ein Kloster errichten.

Ich drehe die Gebetsmühlen, welche in die Aussenwände des Klosters eingelassen sind, übertrete eine Schwelle, wo sich links eine grosse Gebetsmühle befindet und komme in den Innenhof, der zum Tempel und profanen Räumen führt.

Auf der Treppe zum Eingang liegen friedlich zwei räudige Hunde. Vielleicht hören sie den rezitierenden Mönchen im Tempel des „divine madman“ Drukpa Kunley zu. Sie lassen sich nicht davon stören, als wir neben ihnen die Treppe hinaufgehen. Wir betreten den kleinen Tempel mit seiner Bibliothek. Die Statue von Drukpa Kunley sehen wir nur von der Seite, da wir nicht vor die betenden Mönche treten wollten. Ich lege einen Geldschein auf eine Schale und lasse mir aus einer Kanne etwas gelbe Flüssigkeit in die Hand träufeln. Sie schmeckt bitter, aber mir ist heiter zumute. Ein Mönch bringt eine Schale mit Süssigkeiten und getrocknetem Fleisch oben drauf zu einer Anrichte beim Eingang, legt das Fleisch beiseite und füllt die anderen Gaben um, um sie darauf an die Mönche zu verteilen. Dann tritt überraschend ein Mönch auf mich zu, der einen Pfeilbogen mit Pfeil sowie einen Phallus aus Knochen in der Hand hält und mich mit den beiden Kultgegenständen von Drukpa Kunley segnet.

Als ich kurz darauf aus dem Tempel trat, breitet sich unaufhaltsam ein Grinsen auf meinem Gesicht aus, weil mich noch nie jemand so gesegnet hat.