Die Tulpen vom Selimpass

 

Der Blaue und der Rote waren unzertrennlich. Oft fuhren sie ins Blaue, nur zu gewissen Zeiten ins Rote. Im Frühling, wenn die Zeit der Tulpen mit ihren roten Tupfern die Felder überzogen, fuhren sie in Richtung Selimpass. Dort war das Wetter selbst an schönen Tagen rauh, der Selimpass liegt auf 2400 Metern hoch. 2017 überzog selbst im Mai noch Schnee den Pass und stürmische Winde fegten über ihn hinweg. Und doch liessen die Tulpen ihre Stängel in die Höhe schiessen und öffneten ihre Blüten im Zickzack. Wenn der Blaue und der Rote von der Ankunft der Tulpen hörten, liessen sie alles liegen und fuhren in die Berge. Sie lassen ihren Lada und ihren Niva auf dem Feld, stürmen durch sumpfige Wiesen und streben dem Hügel zu, auf dem sie die roten Tupfer schweben sehen. Über dem frischen Grün und unter dem Blau und Weiss des Himmels. Da und dort breiten sich flauschig wie Kissen die Fenchelstauden aus. Die Wiesen durchwebt von den weissen Strichen der Halme des letzten Jahrs. Frühling.

Der Blaue und der Rote lieben das Grün Blau und Rot. Noch mehr lieben sie das filigrane Geflecht der letztjährigen Halme, die wie Borsten oder Fühler eines lichten Fells der Wiese ihre Schönheit geben. Sie biegen sich und verflechten alles. Sie sehen die weissen Strähnen in ihren eigenen Haaren und wissen, dass sie auch im kommenden Jahr wieder ins Rote fahren würden, zur Wiederkehr der roten Tulpen, in der Hoffnung, dass auch sie nicht vergehen.

Auf den weiten Wiesen der Hochebene sind sie nicht allein. Im Frühling fahren viele Armenier zu den Wiesen und pflücken das erste Grün. Den Sauerampfer, den sie zu noch frisch zu Zöpfen flechten. Sie erwarten den roten Mohn, die Aprikosen, den Moment des Granatapfels, der südlicheren Gefilden im Iran und in Georgien angehört. Sie riechen den Moment, wenn der Bergthymian ein Maximum an Öl verströmt. Sie pflücken Kornellkirschen und legen Gemüse in Essig ein.

Aber nichts liess sich mit den hellroten Tupfern der Tulpenfelder auf dem Selimpass vergleichen. Sie pflückten keine, sie schauten und wogten und in der Weite der sanft gerundeten Bergrücken und Weidelandschaften auf dem Selimpass.