Mit den Gämsen

18_P1030104 KopieAls ich morgens auf die Terrasse der Capanna Alpe Salei trete, sitzt der Hüttenhund ruhig da und sieht ins Tal. Er beachtet mich nicht und sieht aus, als verrichte er seine Morgenandacht. Hier oben geht die Sonne auf, über dem Tal liegt noch Nebel. Es ist windstill, ich frühstücke draussen und lese die NZZ. Mit dem aufsteigenden Nebel steige ich zum Lago di Salei und weiter hinauf. Eine Kröte springt über den Weg, zieht ihr Bein an den Körper und verharrt. Ich weiss nicht, was sie empfindet. Ob sie Todesangst vor mir hat und hofft, immun zu werden, wenn sie sich in einen Stein verwandelt? Auf der Passhöhe lese ich laut die verschiedenen Distanzen. Wie ich den Blick nach rechts wende, blicke ich in Gämsenaugen. Ich weiss nicht, was sie denken. Sie verharren einen längeren Augenblick und verziehen sich dann in die Bergflanken. Ich steige dem aufsteigenden Nebel entgegen ins Tal hinab und höre die Gämsen noch, als Gestein sich polternd löst. Mein Vater löste auch Starre in mir aus und manchmal fiel er polternd ins Bett. Wir verzogen uns meist in unsere Zimmer, doch hatte meine Mutter kein Zimmer für sich. Er brachte alles zum Erstarren und Verschwinden. Wir gaben acht, nicht da zu sein, um ihm nicht in die Quere zu kommen und keinen Anstoss zu seinem Fluchen zu geben. Vielleicht waren Flüche seine Art, die Welt mit Drohungen im Zaun zu halten, sodass sie sich ruhig verhielt. Auch wir verstummten. Das hat er wohl getan aus lauter Angst und Scham.

Kaum ein paar Schritte weiter läuft ein Murmeltier zwischen Geröll empor und erstarrt. Ich tue es ihm nach, weil ich das Tier betrachten will und mich das Erstarren langsam neugierig macht. Erstarrung muss so alt sein wie das Tierreich. Zu guter Letzt robbt eine schwarze Raupe mit orangen Punkten über die Strasse. Wie ausgesetzt das Tier doch ist und wie deutlich es sich auf dem Beton abzeichnet. Es sendet leuchtend orange Punkte als Warnzeichen in die Welt. Vielleicht sind sie ein stummer Fluch gegen potenzielle Feinde. Heute schaue ich meine Erstarrung so konzentriert an wie die Gämsen mich eben anschauten – und ziehe ich weiter. Die Starre fällt ab wie polterndes Geröll, sie ist nur eine Erinnerung, ein Geist aus alter Zeit, der mich dann und wann heimsucht.