Der Fremde

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Haltestelle Chironico Posta.

Er ist oft ein Unbekannter. Meist funktioniert er zuverlässig wie eine Maschine. Manchmal droht er mit gänzlichem Verschwinden, wenn ich ihn nicht beachte. Er wird dann betont gefühllos, so dass selbst mir es auffällt. Am einfachsten ist dann ein Gang auf den Markt mit ihm. Ich weiss genau, dass ihm das gefällt. Wenn er all die frischen knackigen Lebensmittel sieht, wirkt dies wie Vitamine. Ihm hüpft das Herz und pocht mir bis in den Schädel. Wie ein Thermometer schlägt seine Freude aus. Bevor er sich wieder einpendelt. Die Chance, dass Reisen ihn wecken, ist hoch. Zuerst lauert er wie üblich inkognito in einem Versteck. Aber sobald der Zug losfährt, beginnt er zu schaukeln und wir schaukeln wie in einem Boot. Zugfahren vertreibt die immer drohende Leere.
Das Schöne beim Reisen zu unbekannten Orten  ist, dass der Ort nur eine Koordinate ist, ein Ausgangspunkt. Ich steige gerne an unbekannten Orten aus. Heute heisst der Ort Giornico.  Wir steigen aus in Giornico Paese, direkt vor der Dorfbeiz. Draussen nippen Männer an Gläsern, wir gehen hin und nehmen Tuchfühlung auf. Wir gehen weiter zum Fluss und kommen zu einer alten Steinbrücke über den Ticino. Am Ende ihres Bogens liegt ein pittoreskes Grotto mit Aussicht auf den Fluss und die Brücke, mit weinbedeckter Pergola und Tischen voller Gäste. Doch gehen wir weiter, weil ein Buch in einer anderen Trattoria einen guten Brasato empfiehlt. Wer von der Trattoria La Pergola nichts weiss, landet nicht dort. Zur Strasse hin hat das Haus kaum Fenster. Man muss dem Trattoria-Schild vertrauen, das Haus umrunden und zur Pergola hochsteigen, wo tatsächlich die Tische gedeckt sind und das Menu auf einem Ständer angeschrieben steht, der auf der Strasse werbewirksamer wäre. Zwei junge Männer essen Pasta. Sonst ist die Pergola leer. Da heute Ossobuco am Schmoren ist, verzichten wir auf den Brasato und nehmen ein Glas Merlot, der so voll im Gaumen liegt, dass wir sommerlich mild werden. Als amuse bouche bringt uns der Sohn des Hauses bald ein geröstetes Stück Brot mit einer Gemüsemousse. Als die Köchin und Mutter das Ossobuco mit einer sorgfältig zum Berg geschichteten groben Polenta, umgeben von einem Seelein mit Gemüsestücken, Steinpilzen und kleinen Fettaugen bringt, schmelzen wir langsam dahin. Derweilen leert sich der Teller und wir werden angenehm schwer.
Es ist ruhig hier, nichts ist pittoresk, ein Schlumpf stemmt eine Hantel. Zwei Katzen überqueren scheu ohne zu betteln die Pergola. Meiden sie den Ort? Die Madre ist freundlich. Als ich kein Dessert bestelle, essen die beiden zu Mittag. Söhne sollten ab einem gewissen Alter nicht mehr bei der Mutter wohnen. Der Sohn zieht das Geld ein, ich verabschiede mich bei der Mutter und lasse die Pergola verweist zurück.
Auf gut Glück gehe ich los. Ich dachte an einen Talweg, aber der Weg windet sich wie meist im Tessin steil hoch. Bald schwitzt er, die Beine zittern, weil die Periode ihn mitnimmt. Trotzdem wandere ich, weil mich wandern zwangsläufig vorwärts und ihm nahe bringt. Wenn es darum geht, vorwärts zu gehen, ist der Weg oft sekundär. Unter mir zischt der Gotthardverkehr ununterbrochen wie eine agressive Schlange den Talkessel hoch. Mir geht vieles durch den Kopf und wieder hinaus. Er bahnt sich den Weg und irgendwie geht es uns gut, obwohl er mich so müde macht. Immerhin sendet er Signale. Er zittert und blutet, seine Waden sind steinhart, wir sind müde aber unterwegs und kommen schlussendlich in Chironico an. Ein stattliches Dorf mit herrschaftlichen Bauten und fast schwarzen Holzhäusern. Hinter der Kirche am Dorfende stehen zwei Stühle im grünen Gras. Mitten im Dorf eine kleine frisch geweisste romanische Kirche. Sie hat zwei Apsiden und ein fast hüfthohes Taufbecken aus Stein. Das mittelalterliche Kleinod ist vollständig ausgemalt. Der Tod mit der Sense steht nackt an der Westwand, in der Apside ihm gegenüber sitzt Jesus in der Mandorla und hält die Bibel aufgeschlagen hoch. „Ego sum lux“ – Licht und Dunkelheit. Ich setze mich auf die Bank vor der Post. Lese in alten Magazinen, er macht es sich bequem und zieht die Schuhe aus, wir lassen die Welt an uns vorbeiziehen. Eine Katze ignoriert mich, einige Menschen gehen mit Sträusschen aus Maiglöckchen an uns vorbei. Am Haus schräg rechts von mir steht verblichen „Cafe elvetico“. Über mir hängt ein Defibrillator an der Wand mit einem Herz, das von einem Blitz durchzuckt wird. Ein grosser Frieden ist da. Ich weiss nicht, weshalb einen der Frieden manchmal so plötzlich überfällt wie der Krieg. Implosion statt Explosion.
Ich weiss nicht, weshalb mein Körper heute friedlich wurde. Wegen dem Ossobuco? Vielleicht kommt man sich einfach näher, wenn man ihn als Unbekannten sieht. Ich werde jedenfalls immer wieder zu unbekannten Orten reisen, in der Hoffnung, bei ihm zu landen und friedlich zu werden.