5/- Schlampe und Küken

P1020251 KopieEs begab sich, dass ein Es auf den breiten Flügeln eines Adlers zu einem Alpenrundflug aufbrach. Weil Es gross sein und hoch hinaus wollte. Die grünen Almwiesen voller Blumen entzückten sein Gemüt. Die Bergler mit den knorrigen Pfeifen und die Alphornbläser fand Es exotisch, die Tierställe sauber. Doch je höher hinauf der Flug ging, desto fremder wurde ihm die Welt. Wohin Es schaute, sah Es von Wind und Wetter zerzauste und von Stürmen versehrte Bäume. Eine Fichte schien ihr besonders hässlich. Zur Bergseite hin lag ihr Stamm nackt da! Nur zur Talseite hin hatte der Baum ein Nadelspitzenkleid über seine Blösse gelegt. Wie konnte man nur so halbnackt sein und trotzdem stolz dastehen wie eine Ballerina? ereiferte Es sich. Angewidert und angezogen zugleich liess Es den Adler immer enger um die Fichte kreisen, bis Es überzeugt „Schlampe“ auf den nackten Stamm hauchte. Das Wort legte sich wie Nebel auf die so getaufte Fichte.

Andere Wesen hatten die Fichte anders beschrieben. Hirsche hatten ihr Fell an seiner Rinde gerieben und mit ihren Geweihspitzen  „ti amo“ in ihre Flanken geschrieben. Worauf ihre Geweihspitzen Feuer fingen. So zogen die Tiere weiter mit feurigem Haupt. Fortan war ihr Weg beleuchtet, die Fichte blieb, tätowiert.

Die Fichte taufte Es Küken. Es sah zu niedlich und unbefleckt aus und frönte doch schon der Hackordnung, wie man sie von Hühnern kennt.

Küken sonnte sich in seiner Reinheit. Nie hätte Küken sein weisses Gefieder von Geweihspitzen ritzen lassen. Flaumige Daunen bedeckten seine Blässe mit einem perfekten Tütü, das seine hässlichen Hühnerfüsse und picklige Hühnerhaut vor seinen eigenen Augen verbarg. Küken drehte sich gerne verschmust im Kreis seines weissen Kleides und tanzte am liebsten zum Kuschelsong Schmusewolle, das macht Perwoll aus Wolle, weil ihm der Unterschied zum Hasenfell einerlei war.

Einen grösseren Gegensatz zu Schlampe hätte sich Küken nicht vorstellen können. Schlampes Äste schmiegten sich an den schmutzigen Boden. Ja die Äste schienen sich geradezu vom Boden her Schicht um Schicht über dem Abgrund aufzurichten. Wie Tentakeln flochten sie sich in die Welt und bildeten ein undurchdringliches Gestrüpp. Die Fichte war ein Punk mit  Nadelflor, dachte Küken zufrieden.
Schlampe liess Harz über ihre Nacktheit fliessen und aus einer Laune ein paar Nadeln zu Boden rieseln. Und während Nebel den Schlampenhauch zerstäubte, zitierte die Fichte das Ende eines Verlainegedichtes:

Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’emporte
Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte.

Küken mochte ihre Fö(h)n-Schönheit nicht länger der wüsten Bergwelt aussetzen. Erfasst von „langueur monotone“ flog Es ins Tal zurück, trank auf der Hühnerhofveranda einen Reismilchshake und lackierte seine Hühnernägel.