2 /- Schiwago

Eine Steineiche bei San Niccolo.

Eine Steineiche bei San Niccolo.

Man kann nicht aussuchen, was man findet. Ich fuhr nach Camogli, weil mein Vater hier vor langer Zeit einen Tintenfisch gefangen hatte. Auf einem Schwarzweissfoto hielt er ihn hoch, ähnlich wie die Freiheitsstatue von New York ihre Fackel, jedoch im Tauchanzug. Der Tintenfischfang in Camogli geschah, bevor ich auf der Welt war. Nun ist mein Vater nicht mehr da, das Foto verloren, aber Camogli in meiner Erinnerung noch immer ein Ort, wo mein Vater glücklich gewesen war. Ob davon noch etwas zu finden war?

Weil schönes Wetter und der Tag noch jung war, liess ich Camogli erst mal in seiner Meeresbucht liegen und stieg die Stufen nach San Rocco hoch. Ich nahm den blauen Himmel durchaus wahr, sah silberne Olivenbäume, blühende Mandeln auf kahlen Ästen, aufgeplatzte Magnolienknospen. Die Frühlingssonne stach auf meine bleiche Haut, während mein Schweiss im Schatten winterlich kalt war. Die Welt, vorüberziehend, war flüchtig-schön, bis eine graue Katze meinen Blick gefangen nahm, sodass ich stehenblieb. Bewegungslos sass sie neben einem abgesägten Baumstamm da und sah mich unverwandt an. Und ich sie.

/ Und ich war kurz davor / meinen Fotoapparat zu zücken / um diese Katze festzuhalten / doch hätte sie sich vielleicht im Moment, wo ich die Kamera nahm / abgewendet / und die Magie wäre gebrochen worden /

Allein – im nachhinein – wie wünschte ich – das Bild wär da – aber da steht es ja nun

Oben am Hügel bei San Rocco angekommen ging es ebenso viele Stufen hinunter nach San Niccolo. Ich hätte nach Mortola gehen können, aber Mortola sagte mir nichts, während San Niccolo eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert versprach. Der Weg führte durch Steineichenwälder mit ihrer Dunkelheit, die nur sie so verströmen. Noch dunkler war San Niccolo, mehr Höhle als Kirche. So, wie Kirchen an einsamen Orten gedacht waren. Zumindest einen Moment lang war es dunkel und still in ihr wie einst. Dann trat schon ein Mann aus der Sakristei und illuminierte den Heiligen. Er fragte mich, ob er Licht anzünden sollte. Ich antwortete, dass gerade die Dunkelheit das Ereignis war. Weil doch das Licht einst in der Dunkelheit erschien. Und alles, Erinnerung wie neue Bilder, aus dem Dunkeln kommen.

Auf einmal aufmerksam geworden stieg ich bedächtig den Weg zurück nach San Rocco hoch. Sonnenstrahlen lenkten meinen Blick auf die Steineichenstämme mit ihrer Klötzchenborke. Einzelne Klötzchen sprangen quadratisch weiss hervor, als hätte jemand ein Mosaik begonnen.

Auf der Sonnenseite hinunter Camogli zu wandte sich eine beige Katze in Sphinxposition zur Sonne, zwei schwarze Katzen rieben sich an warmen Dachziegeln – von der grauen Katze keine Spur. Ein Italiener meinte „che bel paesaggio“ und meinte mich als Landschaft wohl.

Camogli war seltsam zweigeteilt. Sonnige Fassaden gegen den Hafen zu, ein Gewusel von Leuten und Tintenfisch auf Speisekarten. Die Strassenfluchten hangaufwärts schattig und leer – von meinem Vater keine Spur. Zurück im Zug nach Nervi war ich voll dunkler Leere und lichtdurchtränkter Haut. Erst gegen Abend stand auf einmal Schiwago da, der graue Perserkater unserer Familie, der Sohn meines Vaters. Seine Kupferaugen starrten mich unverwandt an. Das war, als ob dem Mosaik der Steineiche von San Niccolo ein graues Klötzchen hinzugefügt worden war.