4 /- Nel mezzo del cammin

birkenneu

Birkenwald über dem Comersee

 

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura
ché la diritta via era smarrita.

Ahi quanto a dir qual era è cosa dura
esta selva selvaggia e aspra e forte
che nel pensier rinova la paura!

Tant’è amara che poco è più morte;
ma per trattar del ben ch’i’ vi trovai,
dirò de l’altre cose ch’i’ v’ho scorte.

(Divina Commedia, Dante Alighieri)

Immer wieder lagen umgestürzte Bäume quer über der via dei monti lariani hoch über dem Westufer des Comersees – nel mezzo del cammin – und versperrten den direkten Weg. Es war noch früh im Jahr, April, die meisten Bäume glatzköpfig, die Stämme dafür besonnt, die Kastanien struppig, die Birken zeigten erstes zartes Grün, und türkisfarbene Flechten erblühten wie Seeanemonen auf ihren weissen Stämmen. Dunkel wie bei Dante waren die Wälder nie. Manchmal schienen sie wie vergessene Orte aus einer anderen Zeit, vor allem die verwilderten Kastanienwälder neben verlassenen Steinhäusern.

Vielleicht begingen wir den Weg als erste und niemand sonst wusste von den vielen entwurzelten Bäumen, die kopfüber die steilen Hänge hinunterhingen. Mächtige graue Buchen, schlanke silbrigweisse Birken und andere Bäume mehr durchschnitten den Weg. Viele Kastanien standen mit abgesplitterten Ästen da, die wie abgeworfene Riesengeweihe auf dem Boden lagen. Tiere hatten junge Rinden der gefällten Bäume blankgebissen und liessen die Äste wie abgenagte Knochen hell und sauber liegen. Die Barrieren erzwangen Umwege, ohne dass wir oder die Bäume etwas falsch gemacht hätten. Dasein genügte, um vom Weg abzukommen, den Halt zu verlieren und abzurutschen auf diesem abschüssigen Terrain. Weshalb auch sollten Wege barrierefrei sein, wenn ich in mir denselben Hindernisparcours antraf. Zwangshaft fällte ich Gedanken, stiess lästige Geweihe ab und flog immer wieder vom Wege, nicht hinunter, sondern auf und davon. Wäre das Leben freier oder eintöniger, wenn die Natur aufgeräumter wäre?

Weitere äussere Hindernisse unterbrachen unseren Weg. Eine Schneelawine hatte sich über ein Bachbett hinunter ins Tal gestürzt. Wo wir den Bach überqueren sollten, hatte das Wasser eine gut meterhohe Öffnung aus der Schneedecke herausgefressen und Eiseinbrüche gähnten uns an. Keine Ahnung, wie hart das Eis war. Ob es uns trug oder einstürzen liess, ob es eine Brücke oder ein versteckter Abgrund war. Weder weiter oben noch unten sah es sicherer aus, nur Löcher sah man keine mehr. Sie lagen unsichtbar, draussen, wie in mir, und zogen seit jeher nach unten. Links und rechts waren die Hänge steil. Mussten wir umkehren – nel mezzo del cammin? Tant’è amara, ja, der Weg, das Leben und der Tod mochten bitter sein oder nur gleichgültig. An dicken Grasbuckeln uns emporziehend krochen wir den gelben Grashang bergan, während grosse rote Ameisen unsere Hände hinunter krabbelten. An einer gänzlich schneebedeckten schmalen Stelle wagten wir den Übergang – die Eisdecke hielt. Drüben fegten wir den Nadelboden hinunter, fingen einen Holzbock und Kratzer ein und landeten wieder – nel mezzo del cammin. Mit Schlangen, die sich trügerisch träge davonschlängelten, als wollten sie uns ins Dickicht ziehen.

Der Weg war nicht einfach, wir wurden stärker. Hinauf- und hinunterwandernd formte er unsere Muskeln zu Stein und gefror unsere Knöchel zu Eis, wenn Weg und Füsse zusammen in Bachbetten untertauchten, aus denen wir schmerzend erquickt herauskamen, lebendiger als zuvor und weniger fallfluggefährdet.

Wir gingen weiter und weiter und jedes Tal und jede Alp besass einen Namen. Wir kamen am Nadelwald von Naro und der Alp Labbio vorbei, ich heisse Eva. Madonnen des Tales wie des Felsens säumten den Weg mit Christus am Kreuz. Alles verband sich zu einem mit Namen, Bäumen, Taten und Erinnerungen gesäumten cammin di Nostra vita.