Der Scheisshaufen

P1030414Da lag wieder einer von Elviras Scheisshaufen. Kunstvoll aufgetürmt bildeten Pfannen, Teller und Schüsseln einen Scheissberg. Denn Elvira war eine Ästhetin und spirituell, der Berg wohl ihr Kailash – Holy Shit auf dem Abtropfgitter. Wer immer die Küche benutzen wollte, musste ihren Berg zuerst verräumen. Elvira schiss das Abtrocknen an. Deshalb landete alles gemeinsame Geschirr der Wohngemeinschaft in der Abwaschmaschine. Nur Pfannen und Schüsseln, die sie selbst täglich brauchte, wusch sie ab. Nach ihr die Sintflut respektive die Underdogs zum Verräumen.
Die Hündin Elvira lebte zusammen mit zwei Underdogs. Wäre sie ein Mensch gewesen, hätte sie alle öffentlichen Bereiche der Wohngemeinschaft mit einem Gartenzaun umgeben und ein Schild mit der Aufschrift „privat“ oder „Betreten verboten“ hingestellt. Da sie aber ein Mops war, markierte sie alle öffentlichen Bereiche mit ihrem Scheiss, dessen Zentrum und Symbol der Holy-Shit-Berg war. 

Selbst ohne Verbotsschilder stellte sie gerne Vorschriften für ihre Mitbewohner auf, die ihr Revier bedrohten. Eine Vorschrift richtete sich beispielsweise gegen die klobigen Schuhe, die Alfonso der  Neufundländer im Korridor abstellte. Als Ästhetin betonte sie, dass der lange Korridor am schönsten leer zur Geltung käme. Nichtsdestotrotz deponierte sie immer ihre Finken im Korridor, doch waren ihre Mopsfüsse natürlich kleiner als die von Alfonso. Und Männerschuhe wie Männer im Allgemeinen stanken generell einen Brunftgeruch aus. Ihr Rucksack lag dagegen grundsätzlich im Korridor, weil er nicht ästhetisch genug für ihr Zimmer war, und falls sie vorhatte, irgendwann zu saugen, lag der Staubsauger herum wie ein Rüsseltier. Je nachdem versperrte er tagelang den edlen Korridor, der eigentlich nie leer war.
Das Wohnzimmer war ein Raum mit Stukatur und Erker. Ein Bijou, wenn Elvira ihn nicht verscheissen würde. Den Tisch belegte ihr Computer, den sie etwa ein Mal pro Woche benutzte. Über den Wohnzimmerparkett zog sich der Kabelsalat ihres Steinzeittelefons, denn Handystrahlen waren böse. Auf das Sofa legte sie ihre Mäntel. Wer es benutzen wollte, musste sie wegräumen.
Im Badezimmer hingen nicht nur zwei Tücher an den wenigen freien Haken, sondern öfter auch ihr Grossmutternachthemd oder ihr Darmspülgerät. Kein Wunder hatte sie bei so viel Scheisse einen Reinheitstick. Unbesetzter Raum stellte wohl generell eine potenzielle Bedrohung dar. Alles musste vollgeschissen werden. An den Stangen neben dem Lavabo hingen deswegen ein Waschlappen und ein weiteres Tuch. Wenn sonst jemand ein Tuch trocknen wollte, konnte er es ja über die Heizung im eigenen Zimmer legen.
In der Küche lagen auf der Arbeitsfläche neben dem Herd ihre Einkaufszettel bereit, dazu Pillen und die neusten Wundermittel. Gojibeeren etwa, die dann eine zeitlang „zum besten“ avancierten, was man sich punkto Ernährung überhaupt vorstellen konnte. Bis das nächstbeste auftauchte, mit dem die Gesundheitsindustrie sich eine goldene Nase verdiente. Zurzeit sind Chiasamen ihr Bestfood. Da die Wirkung teurer Nahrungsmittel am besten mit „Ur“-Superlativen bewiesen wird, zieht die Reklame auf der Verpackung die alten Mayas als Garanten für die Effizienz von Chiasamen hinzu. Sie legitimieren Chiasamen als „uraltes“ Heilmittel, das beste halt. Die proteinreichen Samen seien voller Antioxidantien und fegten gar den Darmtrakt, wenn man sie zuerst in Wasser einweichte. Mit einem reingefegten Darm konnte Elvira natürlich noch mehr Scheisse produzieren und sogar reine, Holy Shit eben.
Es bedarf kaum der Erwähnung, dass Elvira immer auf irgendwelchen Diäten war oder dann eine Fastenkur machte. Wer dermassen viel schiss, fühlt sich zweifellos schmutzig, da half nur Reinigung. Die neuste und revolutionärste Ernährungslehre hing jeweils an der überfüllten Magnetpinwand. Von ihr lächelten abwechselnd debile Gurus und pastellfarbene Heilseminare riefen zur Klärung von Hindernissen auf dem Weg zur Erleuchtung auf. Aktuell stach Samsara, dem Windhund, folgender Zettel aus dem Zettelwald ins Auge: „Guten Appetit! Genial geniessen und gesund bleiben. Ulrike Gonder zeigt in ihrem neuen Vortrag: Lieber nicht zuviel denken, sondern aufmerksam handeln. Der Körper sagt, was er braucht. Seit Zehntausenden von Jahren äusserst erfolgreich.“ Woher die nur wusste, dass die Menschheit schon vor Zehntausenden Jahren gesund und erfolgreich war? Wie auch immer, man hielt es kaum für möglich, dass jemand mit solchem Bullshit Geld verdienen konnte. Frau Gonder setzt sich übrigens auch für die Rehabilitation von Fetten ein. Samsara wusste nicht, dass die geächtet oder gar verfolgt gewesen waren, aber Fett fehlte einem Windhund generell. Elviras Ernährungsphilosophie konnte man kurz gesagt so sehen: sie produzierte nicht nur Scheiss, sie glaubte auch jeden und büsste dafür mit Selbstkasteiung. Oder noch kürzer: essen kacken fasten.
Wer mit einem solch dominanten Hund zusammenlebt, kommt manchmal nicht umhin, sich zu fragen, ob es ihm denn an Überzeugungen fehlte. Samsara der Windhund war sich als Vertreter des Elements Wind jedoch einfach der Vergänglichkeit von allem bewusst und zog es vor, seine momentane Befindlichkeit eher mit einem Furz kundzutun. Und der verzog sich über kurz oder lang. Nur um die Wahrheit gibt es ein Geschiss, um alles andere furzt man, war seine Devise. Die von Lebensverbesserungen überquellende Pinwand schrie hingegen alles als letzte Wahrheit hinaus. Dennoch segelten die Blätter beim kleinsten Luftzug zu Boden, wo Samsara sie auflas und aufs Altpapier legte, wohin Papiermüll gehört. Als schlanker Windhund machte sich Samsara durchaus auch seine Gedanken über gute Ernährung, doch war sein Bedürfnis klein, daraus ein Geschiss zu machen. Auch Alfonso der Neufundländer tat dies nicht. Er vertrat im Hundeclub das Element Feuer und verbrannte Dinge eher, als dass er sie schiss. Alfonso liebte Paprika in allen Variationen, vor allem das geräucherte Gewürz, dazu Zucchetti, Tomaten, Chorizo und Kichererbsen. Egal was er kochte, es roch nach Rauch. Ansonsten lag er gerne etwas verträumt in der Sonne, wie Hunde dies gerne tun.
Bis vor kurzem hatten vier Hunde die Wohnung bewohnt. Nun waren sie zu dritt, Elvira der Mops, der Windhund Samsara und Alfonso der Neufundländer. Die freigewordenen Fäche des weggezogenen Vierten okkupierte Elvira kommentarlos. Und weil Mops trotz Kleinheit nie genug Platz hatte, standen auf dem kleinen runden Küchentisch regelmässig ihre Früchte oder eines Abends eine Gläserversammlung. Dahinter Blumen. Elvira hatte wohl Lust auf ein Stillleben gehabt. Wer den Tisch real zum Essen brauchte, konnte dies schliesslich auch am Wohnzimmertisch neben ihrem Laptop tun. Alles, was Elvira nicht mehr brauchte, schickte sie übrigens nach Indien. Müllentsorgung der sozialen Art. Denn Elvira war sozial zu Randständigen und Armen. Ihre Wohnung teilte sie, um Geld zu sparen.
Alfonso ging gerne gemütlich Joggen, Samsara machte ab und an Tai Chi, Elviras Sport war die Fünfzigprozentjagd. Sie sprang auf alles, was mit Fünfzig Prozent angeschrieben war. Dazu genügte ein Blick in die Tiefkühltruhe. Zwei der drei Fächer belegten Elviras Fünfzig-Prozent-Produkte. Vorzugsweise Butter, Blätterteig und Vermicelles. Kein Wunder, war sie ein Mops. Man ist, was man isst. Samsara wie Alfonso häuften kaum Vorräte an. Nicht nur liess Elvira ihnen keinen Platz. Vielmehr fehlte ihnen ganz allgemein die Lust am Anhäufen, am Haufen eben. Und das Gewicht von mehreren Kilo Butter und Teigen hatte etwas Belastendes, fand Samsara. Vom Joggen brachte ihm Alfonso mal Zapfen von Mammutbäumen und ein Stück Zedernholz nach Hause. Elvira teilte Essensresten.
Den allgemeinen Eindruck von Unförmigkeit verstärkte Elviras zerknautschtes Gesicht, das so aussah, als habe ihr jemand vor langer Zeit die Fresse eingeschlagen und als habe sie gerade heute wieder besonders schlecht geschlafen. Wecken die naturgegeben schwarz umrandeten Augen von Mopsen den Eindruck von Traurigkeit, suggerierte Elviras zusätzlich durch Kayal markierte Höhlen eher, dass alle anderen ihr Opferdasein sehen und dafür büssen sollten. Zugegeben ist jeder Hunderasse ein Gesichtsausdruck eigen. Alfonso sah die Welt mit Staunen an, denn Neufundländer sind irgendwie gross geratene Kinder. Samsara schaute manchmal edel und etwas distanziert, wie es Wüstenvölkern eigen ist. Man sollte vom Gesichtsausdruck nicht auf den Menschen schliessen. Doch blieb der Kayal eine tägliche Kriegserklärung an die Umwelt.
Elviras Sozialisation in den Siebzigern entspricht ihr violett gefärbtes Haar. Auch sonst pflegte sie einen bunten Kleidungsstil sowie einen aparten Schnauz, während Alphonso eher in Hängerkleidung herumlief und Samsara gerne Strümpfe trug und mit einer Schildkröte spazieren ging. Samsara liebte das zwischendrin, die Möglichkeiten des Seins.
Bisher unerwähnt blieb Elviras Müllhalde vor der Wohnung im Treppenhaus. Alles, was der Mops zu hässlich für den Korridor fand, stellte sie vor der Haustüre ab, zur Freude der anderen Mieter und der Putzfrau. Ihr Rolli beispielsweise war dort parkiert. Wenn Elvira früh arbeiten ging, packte sie ihn voll wie für eine Weltreise. In Spitzenzeiten gelang es ihr dann, sieben Mal die Eingangstüre zu öffnen, mit lautem Geraschel ihren Rolli zu füllen, sieben Mal die Türe zuzuschlagen und laut durch den Gang zu schlurfen. Samsara hatte ihr Hundehaus neben der Eingangstüre und zählte mit. Zwar versuchte Samsara inzwischen auch, Lärm zu machen, aber es ging ihm eher um ein Gleichgewicht des Schreckens. Er sah einfach nicht ein, weshalb es Freude machen sollte, eine Haustüre ins Schloss fallen zu lassen, statt sie leise zuzuziehen und jede Tasse mit einem Knall hinzustellen, als wollte man sie für ihr Dasein bestrafen.
Gerne benutzte Elvira auch ihre Mitgeschöpfe und die Atmosphäre für ihren Müll. Betrat sie die Wohnung, schnupperte sie zuerst misstrauisch, wie wilde Tiere dies tun, die checken, ob die Luft rein ist. Der Feind lauerte schliesslich überall. Dann lief sie schnurstracks ins Wohnzimmer und öffnete die Fenster, darauf diejenigen in der Küche, um den Geruch von Windhunds Curryfesten und Neufundländers Chorizo-Paprika-Orgien zu vertreiben. Dann durchquerte sie einige Male laut seufzend den Korridor, um ihn mit ihrem süssem Parfüm und Schlurfen zu markieren. Darauf begann Elvira gemeinhin zu kochen oder zu telefonieren. Mit offenen Türen, damit jeder sie hörte und Soja die Welt veredle. Wer die Küche betrat, den überfiel sie gemeinhin mit den neusten Ernährungstipps oder klagte über ihre Arbeit. So erfuhr Samsara im Laufe der Zeit vieles über die heilenden Gerichte einer Hildegard von Bingen, von denen leider nicht mehr alle nachkochbar waren, da Dachsfett nur schwer erhältlich war. Wenn kein Opfer in Reichweite war, griff sie zum Telefon und bellte ins Gerät. Stundenlang, damit die Luft ganz und gar verbellt wurde. Dass Elvira mit ihrem Geräuschpegel ganz grundsätzlich die Atmosphäre verschmutzte, hätte man ihr nicht erklären können. Elvira kläffte beim Telefonieren, sie schmiss mit Pfannen und Gläsern um sich und polterte durch die Wohnung, was immer sie gerade tat. Ruhig war sie nur beim Schlafen. Manchmal fragte Samsara sich, ob er zu wenig um seine Existenz kämpfte. Doch lebte er nicht im Krieg. Statt Räume zu besetzen, durchstreifte er sie lieber. Statt Gekläffe bevorzugte er Leere, in dem Momentanes entstehen und vergehen konnte ohne Spuren zu hinterlassen.
Zwar bemühte sich der Windhund inzwischen nach Kräften, auf Elviras Scheisshaufen zu scheissen. Aber so viel Scheisse gab ein Windhund nicht her. Ausser einem Salzfass und der Pfeffermühle, die nun die Arbeitsfläche neben dem Herd zierten und einem neben den Gläserberg gelegtes Brot, das Elvira anderntags prompt wegräumte, hatte Samsara meist nichts zu scheissen. Alfonso trug ab und an ein Glas Zucker bei oder liess seine Tassen im Schüttstein stehen. Er war von eher faulem Wesen.
Einmal allerdings hatte Samsara falsch geschissen. Ein für Elvira willkommener Anlass, einen Verweis an die Wand hinter dem WC zu kleben. „Nach dem dicken Geschäft bitte lüften“, stand da drauf. Da hatte sie den Windhund doch tatsächlich erwischt. Ein einziges Mal, es war noch früh und die andern beiden Hunde schliefen, hatte der Windhund gekackt, ohne das Fenster zu öffnen und ohne ein Streichholz zu entflammen. Keine Ahnung wieso. Wahrscheinlich schlief er noch und hatte den Moment verpasst. Normalerweise hielt er gerne ein Streichholz beim Kacken und schaute fast hypnotisch der grösser und wieder kleiner werdenden Flamme zu, so lange, bis das Feuer fast zu den Pfoten niedergebrannt war. Er liebte den anschliessenden Rauchgeruch und den feinen Faden, den dieser in die Luft zeichnete.
Grundsätzlich schiss Samsara mit Vergnügen. Nicht mit so viel Vergnügen wie die Inder, die ihre Tagesform an der Konsistenz ihrer Scheisse ablasen. Immerhin sah er seine tägliche Kacke mit einem gewissen Interesse an, bevor er sie hinunterspülte. Scheisse beschäftigte auch seine Windhundträume. Meist schiss er falsch und ohne Schuld, einfach weil die Toiletten unbrauchbar waren, oder er brachte die Scheisse nicht mehr weg und verschleppte sie überall hin. So wie Elvira dies realiter tat. Tat sie es vielleicht ebenfalls unabsichtlich? War Elvira ein wahr gewordener Scheisstraum?