Der Hauch

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Hanoi, Tempel neben der Chua Mot Cot.

Er ass ein Carpaccio aus Cedri, Zitronatszitronen. Die dünn geschnittenen Scheiben mit dem kleinen Fruchtfleischkern, der dicken zarten Haut und der dünnen gelben Schale boten ein Bild von kreisenden Sonnen in Wolkenbetten. Dazu kam etwas Olivenöl, Salz, Pfeffer und Koriander, klassisch. Ein Bild perfekter Harmonie in Gelb, Weiss und Grün aus dem Land, wo die Zitronen blühn. Aber das Gericht blieb ihm fremd. So fremd wie die Frucht, die er wegen ihrer Fremdheit gekauft hatte. Cedri sind Monsterzitronen. Jedes Exemplar ein Unikum, eine Wucherung individueller Art. Sein Exemplar ein gelbes Torpedo mit Seehundschnauze und Hämorrhoiden am Schwanz. Als er eine erste Scheibe dünn aufgeschnitten nature gekostet hatte, zerschmolz die Haut mit einem Hauch von Bitterkeit im Fruchtfleisch und einer Würze nach Zedern im Mund. Doch war ihr Duft unter der Last des Olivenöls verstummt und er stierte in den Teller.

Dabei hatte er die Scheiben schön ausgelegt, auf der Suche nach einem Mehr, nach Genuss, Schönheit, Erinnerungen. Doch da kam nichts. Er bestreute die italienische Sinfonie zusätzlich mit Meersalz. Nichts. Selbst nachdem er spiralförmig eingerollte rosa Biocrevetten mit Schwanz über die Sonnen gelegt hatte, holte ihn nichts aus seiner Isoliertheit heraus. Da half auch kein knuspriges Baguette, durch welches das Olivenöl extra vergine tropfte. Zumindest dieser Name blieb etwas haften in seinem fruchtlosen Kreisen über der Cedro, der Götterfrucht. Sie wurde Buddha und anderen Heiligen in vietnamesischen Tempeln kredenzt. Die asiatische Varietät trieb dort noch fantastischere Auswucherungen. Er konnte sich nicht sattsehen an den üppigen Fruchtspenden und fotografierte sie jedes Mal, weil ihn ihr Anblick lebendig machte. Diese Früchte endeten nicht in einer Seehundschnauze, sondern in krakenähnlichen Fingern und wurden Buddhahand genannt. Obwohl Buddha bestimmt keine Tentakelhände hatte. Die Finger zeigten in alle Himmelsrichtungen, wo bliebe da der Fingerzeig ins Nirvana. Aber vielleicht waren vietnamesische Buddhas ja Zen-Buddhas und die waren in jeder Hinsicht so individuell und unvorhersehbar in ihrer eigenwilligen Schönheit wie die Cedri.

Da rief sie an. Sie hatte alles im Griff und das nächste Drehbuch bereit. Ihr Leben funktionierte nach dem Dreiaktschema des Spielfilms. Da entstand zwar nicht unbedingt Kunst, wie ihr inzwischen klar geworden war, aber dafür konnte mit dem Dreiaktschema auch nichts wirklich schiefgehen. Er trank einen Schluck Ruedo. Sein beiges Gelb bildete mit dem Gelb der Cedro und mit dem Dunkelgelb des Olivenöls ebenfalls einen Dreiakt. Der Schwanz einer Crevette lag wie ein gestrandeter Wal im Olivenölsee. In der Luft hing Crevettenduft, welcher den zarten Zedernduft der Frucht überdeckt hatte. So wie ihre aufgeblasene Tatkraft alles Fragile aus dem Leben trieb. Ihr nächster Protagonist war Arzt und seine Patienten besassen die richtige Fallhöhe. Die fehlte dem gestrandeten Wal in seinem Teller. Er streckte seinen Zeigefinger ins Olivenöl. Deutsche Tatkraft konnte ihm gestohlen bleiben und funktionierende Filme waren ihm egal. Er liess den letzten Schluck Ruedo die Zunge hinabgleiten, nicht mit maximaler Fallhöhe, mehr als leicht gluckerndes Fliessen eines Sommerbachs, der von einem Stein zum andern sprang und nicht wusste, dass er ins grosse Meer mündete.

Beim Anblick der Sonnenscheibe im Wolkenflor kam ihm sein liebster Zen-Meister in den Sinn, Ikkyu Sojun, die verrückte Wolke. Ein Antidot zu jedem Dreiaktschema. Er rezitierte ihr ungefragt ein Gedicht des Meisters durch den Apparat: „Jeden Tag studieren Priester ganz genau den Dharma und singen endlos die schwierigen Sutren. Doch zuvor sollten sie erstmals lernen, Liebesbriefe zu lesen, die Wind und Regen, Schnee und Mond schicken.“

Dann hängte er auf und starrte auf das übriggebliebene Olivenöl. Wegschütten hätte zwar eine Fallhöhe ergeben, doch wozu die Verschwendung. Er liess stattdessen Multikorn-Linguine in eine Pfanne mit sprudelndem Wasser gleiten. Da sie neun Minuten brauchten, um al dente zu werden, las er in der Zwischenzeit einen Artikel über den bösen weissen Zucker in der Zeitschrift „oliv“ vom Reformhaus. Weisser Zucker erlebte derzeit einen bösen Fall. Als eine dänische Cupcake-Bäckerin mit ihrem zweiten Sohn schwanger ging, wollte sie unbedingt gesund bleiben und erklärte den weissen Zucker zu ihrem Feind. Antagonist, hörte er seine Exfilmfreundin schreien. Der Artikel war eine geradlinige Erfolgsgeschichte ohne filmisch vorgeschriebene Wendepunkte für den Kokosblütenzucker. Das war so platt und vorhersehbar wie der Preis des neuen Juppiezuckers, Kokain für die Biogemeinschaft. Nun mischte er die Linguine mit seinem Olivensee, liess Salzkristalle, Kapern und Parmesan über alles niederrieseln. Er krönte den Teller mit einem spiralförmig geschnittenen Scheibe Cedro in Blumenform, die einen zarten  Hauch von Zedernduft verströmte und ass.