Die Ziegen der strada alta

P1040277 KopieAn einem klaren Wintertag wanderten wir ab Quinto auf der strada alta im Tessin. Es tat gut, Sonne zu tanken. Wir waren zufrieden, der kalten Jahreszeit zum Trotz in der Höhe zu wandern und draussen zu sein. Der Boden war gefroren, hart und mit Raureif überzogen. Wir wanderten auf Strässchen und breiten Feldwegen. Sahen niedergedrücktes Farn und beige Wiesen mit einem einzigen gelben Schlüsselblümchen. Errieten die Bäume an der Textur ihrer Stämme und ihren Wuchsformen. Es gab viele Hasel, Birken, Tannen. Fast keine Tiere waren zu sehen, bis weiter vorne auf dem Strässchen Ziegen auftauchten. Eine ganze Herde, ohne Hirt oder Hund. Sie knabberten da und dort an dünnen Stämmen oder assen Gras. Aber es sah mehr so aus, als gingen sie spazieren, wie wir. Jedenfalls liefen wir bald mit und unter ihnen oder sie mit uns. Zuerst gingen noch viele vor uns, als würden sie uns eskortieren. An einer Strassenbiegung besammelten sich dann alle und liessen uns von da an die Führung. Sie liefen partout nicht mehr vor uns, sondern folgten uns durch ein Dorf und einen Tannenwald. Mal fielen sie zurück, weil sie an etwas knabberten, dann ertönte ihr Gebimmel wieder lauter und lauter, wenn sie uns aufholten. Es waren schöne Viecher mit weissen Streifen über den hellen Augen und geschlitzter Iris, die uns nie anschaute. Das Fell so beige wie die Winterwiesen. Nicht wenige Weibchen waren trächtig und schaukelten wie Schiffe beim Gehen. Ich streichelte sie immer wieder. Sie liessen es zu, blieben stehen, doch nie hob eine den Blick zu mir. Eine wollte meine Handschuhe essen, als ich sie unter den Arm geklemmt hatte um zu fotografieren. Mit ihnen zu gehen, löste mich von mir selbst. Ich würde dies nicht Glück nennen. Weil es auf Begriffe nicht ankam und wir einfach mit ihnen gingen. Es tut gut, den anderen mehr Raum zu geben als einem vermeintlichen Selbst. Man geht dann von selbst in ihnen auf und sie vielleicht in uns.