Die Schlange von Ardvi

Kirche von Odzun

Ich kam eines vorantik, antik und christlich wirkenden Monuments wegen nach Odzun. Wenn in Monumenten verschiedene Zeitebenen ineinander übergehen, habe ich das Gefühl, dass alles verbunden ist. Nur wollen die Mächtigen meist nicht, dass man dies versteht. Für ihren Machterhalt darf meist nur eine Zeitebene und Wahrheit wichtig sein. Odzun liegt auf einem Plateau über der Debedschlucht, die in Armenien auch als Klösterstrasse bekannt ist. Die Debedschlucht liegt in der Provinz Lori im Norden Armeniens an der Grenze zu Georgien.
Mein Magen machte Kapriolen. Deshalb ging ich zuerst zu meiner Unterkunft bei Amalia und ihrem Mann Agasi. Sie haben mehrere für Gäste zurechtgemachte Zimmer in ihrem Privathaus Aghasu tun und sind wie alle Gastgeber, die ich bisher kennenlernen durfte, sehr nett und gesprächig. Insbesondere Amalia ist so gesprächig, dass ich im schönen Garten keinen Moment lesen kann, dafür aber viel erfahre. Dass die braun wie Holz gewordenen Gurken mit der weiss krakeligen Haut der Samen wegen nicht geerntet worden sind. Ich bekomme selbstgemachten Saft aus Pfirsichen und gelben Pflaumen und Amalia rührt gerösteten und dann gemahlenen Weizen mit Wasser an, kocht ihn auf, damit er sich verdickt und gibt ihn mir zum Essen gegen meinen verdorbenen Magen. Leute, die sagen, sie hätten keine Arbeit, versteht sie nicht. Es gäbe immer etwas zu arbeiten. Sie machen alles selbst hier. Halten Kühe, Schweine und Hühner, verkaufen Käse, machen das Gemüse ein. Etwas später kommen wir unausweichlich auf die armenische Geschichte zu sprechen. Jeden Tag würden armenische Soldaten im Konflikt um Nagorni Karabach sterben. Und dass Söhne von nahen Verwandten als Soldaten eingezogen würden, sei für sie wie für alle Mütter unerträglich.
In Sichtweite über dem Haus liegt die Kirche von Odzun. Im fünften oder sechsten Jahrhundert erbaut wurde sie im achten vom Katholikos Johannes Odznetsi erneuert. Er stammt aus Odzu, woran unten an der Hauptstrasse sein Denkmal erinnert. Der Bau aus rosa farbenem Tuff liegt vor dem Panorama der im Tal gegenüberliegenden Berge. Links von der Kirche, aber zentraler Bestandteil des Ensembles liegt das Monument, das mich nach Odzun führte. Es besteht aus einem hohen Sockel zu dem von der Schauseite her eine steile Treppe hochführt. Darauf stehen zwei sehr langestreckte Bögen, in deren Öffnungen zwei ungewöhnlich schlanke lange Stelen stehen. Es sind weder Menhire noch Säulen. Dafür sind sie zu schlank und hoch Die Seiten sind ornamental und mit Weinblättern und Trauben verziert. Auf ihrer Vorder- und Rückseite werden Geschichten erzählt. Sehr reduziert, mit jeweils ein bis zwei Personen pro Zeile. Auf der Rückseite sind mehrere Male Gestalten mit Stöcken dargestellt, die einen Kreuzabschluss aufweisen. Gut möglich, dass sie von der Einführung des Christentums erzählen. Ein Prospekt aus der Region interpretiert sie denn auch als Siegesmonument des frühen Christentums. Aber das Monument sieht seiner Stufen wegen eher antik-christlich aus und die extrem schlanken Stelen wirken gänzlich unchristlich.
Gut vorstellbar, dass auf diesen Treppen etwas erinnert oder zelebriert wurde. Es ist mir nicht so wichtig, zu verstehen was. Mich fasziniert das Monument insgesamt. Wie hier verschiedene Zeitebenen verbunden sind. Die Stufen erinnern an die Stufen antiker Tempel, die immer auf hohen Sockeln stehen, währenddem christliche Kirchen ebenerdig sind. Die beiden Bögen sind zeitlich nicht einordbar. Und die beiden Stelen erinnern ihrer ungewöhnlichen Schlankheit wegen und weil sie gegen unten noch schlanker werden an die vorchistlichen Vishaps. Das sind Drachen-, respektive Schlangensteine Diese haben eine Zigarrenform oder die Form eines langgezogenen Fisches. Es gibt sie seit dem zweiten Jahrtausend vor Christus und sie treten oft bei Quellen auf. Gut möglich, dass die Stelen umgearbeitet und für christliche Zwecke verwendete Vishaps sind. Das hat nichts mit Sieg zu tun, wie es der Prospekt rausposaunt, sondern mit Übergängen und Adaptionen.
Leider stören neue Grabmäler und Renovierungen den Gesamteindruck der Anlage. Am meisten fällt das Grab des 26. Kommissars Moses Surabian auf. Wie es sich für einen Kommunisten gehört, steht sein Monument mit Sichel Hammer und Stern quer zur Kirche und ist Nord-Süd ausgerichtet.

Die Schlange von Ardvi.

Ich reise allein. Ich nehme mir Zeit. Das Monument und die Kirche fotografiere ich drei Mal, bis ich für jede Tageszeit das richtige Licht habe. Meine Gastgeberin hat mir versprochen, dass sie mir zwei Kirchen ganz in der Nähe zeigt. Es wird zwar spät, weil die Nachbarn mit dem Auto erst dann Zeit hatten, aber wir fahren los. Zuerst etwa zwei Kilometer ausserhalb des Dorfs in Richtung Vanadzor. Links an der Felsklippe steht eine kleine Kirche, die renoviert wird. Von dort sieht man am Fuss der Felsklippe das Horomair Kloster. Ganz an den Felsen geduckt. In der Umgebung sind Höhlen sichtbar, die vielleicht auf den Ursprung des Ortes hinweisen.

Dann fahren wir weiter nach Ardvi. Gottseidank reicht das Tageslicht gerade noch aus, um die Schlange auf dem Felsen zu erkennen. Die Legende erzählt, dass diese Schlange Kinder frass bis einer kam, der sie erschlug. Dabei sagte er, sie solle sich in Stein verwandeln und ihrem Bauchnabel solle Wasser entspringen, das Kinder heilt. Das geschah. Man sieht die Schlange deutlich als dunkle Felszeichnung in der Wand. An der Stelle ihres Nabels fliesst Wasser aus einem Loch, im Tal ein Bach. Etwas weiter oben steht eine verwunschene Kirche am Hang, zuoberst eine Eiche. Die Leute erzählen, dass sie Hundert Jahre alt wird und wenn sie dann stirbt liegt sie nochmals hundert Jahre da ohne zu verfallen. Sie ist ein Symbol für Stärke. Der Glockenturm steht separat auf einem kubusartigen Sockel, der mich ein wenig an die Antschischatikirche in Tiflis erinnerte. Läutet man drei Mal die Glocke und wünscht sich etwas, geht, es in Erfüllung. Weiter gibt es an diesem magischen Ort ein nicht besonders altes Grabmal, mit einem Sarkophag, der in einem Abstand zur Grabplatte aufgestellt ist. Wenn Kinder, die schon grösser sind aber noch nicht sprechen, durch den Spalt zwischen Grabplatte und Sarkophag durchkriechen, können sie danach reden. Dass hier so viele Geschichten, Wünsche und Zeitebenen zusammenkommen, faszinierte mich ebenfalls sehr. Ich möchte an den Ort zurückkommen, wenn das lokale Fest gefeiert wird. Es findet am 7. April statt. Dann werden Widder geschlachtet und die Menschen aus der Umgebung essen hier Schaschlik.

Wäre ich motorisiert unterwegs gewesen, hätte ich an einem Tag mehr sehen und selbst bestimmen können, wohin ich gehe. Ich wäre bestimmt nicht nach Horomair und Ardvi gefahren und hätte nicht das richtige Licht in Odzun abgewartet. So hingegen weiss ich jetzt schon, dass ich nach Odzun zurückkommen und dann zufuss über die Wiesen nach Ardvi wandern werde um dann solange dort bleibe, wie es mir grad passt.