Venedig: Der Mensch von Rialto

P1040133 KopieFür Josef Brodsky war „l’odore di alghe marine sotto zero“, der Geruch der Algen unter null in Venedig ein Synonym für Glück. Wenn er sie roch, hatte er das Gefühl, in sein eigenes Selbstbildnis einzutreten, das in der kalten Luft hing, wie er in „Fondamenta degli incurabili“ (Ufer der Verlorenen) schreibt.
Ich schaute ihn an und erkannte mich – in seinem konzentrierten Blick, in seiner nachdenklichen Geste, in seiner eingezwängten Lage. Man nennt ihn „il gobbo di Rialto“, den Buckligen von Rialto. Und dies, obwohl der Mann bestimmt keinen Buckel hätte, wenn er aus seiner unbequemen Stellung unter einer Treppe hervortreten könnte. Weil der Bucklige jedoch eine Skulptur ist, kann er seine Buckellosigkeit nicht beweisen und wird wohl aus Tradition oder Ignoranz seit Jahrhunderten der Bucklige genannt. Pietro da Salò hatte ihn im 16. Jahrhundert für eine Treppe auf dem Campo San Giacomo di Rialto gegenüber der gleichnamigen Kirche geschaffen. Die Treppe führt auf ein Podium, von dem aus Proklamationen ausgerufen wurden. Darunter kauert er. Die rechte Hand auf den rechten Oberschenkel gestützt, den linken Ellbogen aufs linke Knie, die linke Hand stützt seine Wange in einer unverkennbaren Geste der Nachdenklichkeit. Steile senkrechte Falten zwischen den Augen verstärken die Nachdenklichkeit und geben dem Gesicht einen konzentrierten Ausdruck. Seine rechte Wange liegt an der Unterseite des Podiums, als würde er sein Ohr anlegen um zu hören, was auf dem Podium verkündet wird.
Nun ist Nachdenklichkeit noch kein Argument gegen einen Buckel. Sein muskulöser Körper jedoch schon. Da kauert kein Krüppel, sondern ein attraktiver, nackter Mann. Mit dichtem lockigem Haar, kurzem Schnauz und dem Wochenbart eines Abenteurers. Ist der Mann vielleicht ein Sklave? Davon gibt’s an und in Venedigs Gebäuden und Kirchen Hunderte, welche Podeste mit christlichen Heiligen oder Herrschern tragen. Doch sind diese Sklaven oft als Orientalen mit langen Schnäuzen und Turbanen oder sonst wie als Besiegte gekennzeichnet.
Der Mann von Rialto hingegen ist kein Besiegter. Seine Muskeln sind zwar angespannt, aber gleichzeitig kauert er nachdenklich in seiner unbequemen Lage. Als würde er stellvertretend vielerlei Lasten tragen, nicht nur die seinige. Als ginge es mehr um die Lasten des Menschseins, denen wir alle ausgesetzt sind. Wohl deshalb konnte ich mich seinem durchdringenden Blick nicht entziehen. Er fragt uns alle, wie wir mit der Spannung umgehen, die über unserem Leben liegt. Ihn macht sie nicht bucklig, nur gebeugt ausharrend. Die Belastung seine Stärke im Gegenteil erst sichtbar. Er hält die Treppe aus. Als brauchte sein starker Körper geradezu eine Behinderung, um sich auszudrücken. Statt herauszutreten treten seine Muskeln hervor und erzählen davon, was es heisst, ein Mensch zu sein.
Als wäre dies alles nicht bemerkenswert genug, sieht er von vorne so aus, als ob er den Kopf nicht zur Seite drehte, sondern zu Boden schaute und sich die Augen riebe – als ob er weinte –der nachdenkliche, potentiell weinende starke Mann von Rialto.