Der Kormoran

Da sitzt sie mit ihrer Scheissrührung. Ihr Gesicht verzogen und wie im Schmerz entspannt. Die Haut dünn. Sie schnäuzt sich die Nase und wischt Tränen der Rührung aus den Augen. Ihr Zustand nennt sich wohl Existenzschmerz. Oder ist es Existenzglück, wenn jemand auf einmal mit sich selbst im Café sitzt als hätte sie eine Fremde wiedergefunden nach einer langen Trennung?

Sie würde ihre Rührung gerne auf die Hintergrundmusik des Cafés schieben. Akkordeonmusik aus dem Film „Amélie“ ist zum Heulen. Ewige Wiederkehr, Tanz bis in einen Tod, der egal wird.

Auch die unerwarteten Sonnenstrahlen an diesem Morgen nach einer Regennacht mögen Schuld an ihrer Rührung sein. Und die Trauerweiden liessen ihre Äste heute besonders gelb über die Limmat hängen, wie ihr schien. Auf dem Geländer vor den Weiden sassen Möwen aufgereiht in Reih und Glied, als würden sie auf etwas warten. In der Limmat schwamm ein Haubentaucher gegen den Strom und tauchte in regelmässigen Abständen unter. Sie wunderte sich, dass er jedes Mal fast an derselben Stelle wieder auftauchte, an der er verschwunden war.

Wer weiss, was das mit ihr zu tun hat. Weshalb sie manchmal verschwindet und wieder auftaucht. Seit Tagen – oder sind es Jahre – spannt ihr Kopf. Nun löst sich die Verspannung in Wärme auf. Vielleicht hat ihr der Haubentaucher die Verspannung gelöst. Vielleicht haben die Möwen sie erwartet.

Die Sonne ist hinter Wolken verschwunden. Eine Tram fährt vorbei. Noch immer sitzt sie im Café mit ihrer Rührung und möchte sich nicht rühren, weil sie gerührt ist und Wärme sie dehnt. Selbst die Arme verlieren ihre Spannung und hängen wie die Äste der Trauerweiden über der Tastatur, derweil schwarze Buchstaben über den leuchtenden Bildschirm tropfen. In grosser Stille, die alles hält.

Stille ist schwarz. Geburt geschieht aus der Dunkelheit und Tod in die Dunkelheit. Auftauchen und Verschwinden. Sie denkt an den Kormoran, der auf der Trauerweide sass. Sein Gefieder glänzte und funkelte schwarz in der Sonne als wäre schwarze Farbe voller Licht. Denn Stille ist nicht regungslos. Sie pocht undeutlich wie Flüssigkeit vor dem Kochen und manchmal funkelt sie. Die Geräusche im Café hüllen sie ein. So gehalten hält sie sich in der Stille aus. Sie bleibt sitzen bis die Wärme verebbt und die schwarzen Tasten des Computers unberührt daliegen. Darauf wartend, dass sie sich auf ihnen wieder durch das Dunkel ins Licht tastet.