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Widerstand gegen die Vergänglichkeit

In Ladakh im indischen Himalaya sind Menschen, Tiere und Pflanzen extremen klimatischen Verhältnissen ausgesetzt. In dieser Gebirgswüste scheint jegliches Leben ein Wunder, eine Selbstbehauptung auf Zeit.

Unablässig rieselt Sand, fällt Geröll, schlittern aufgesplitterte Schieferplättchen die steilen Berghänge Ladakhs in enge Täler hinunter. Irgendwann landen sie im Bach in der Talsohle und fliessen bachab. Unaufhaltsam fällt und fliesst Materie in dieser Gebirgsregion Indiens zwischen dem nördlichen Rand des Himalaya-Massivs und dem Karakorum. Als gäbe es nichts Festes. Wir sitzen im Bus aus Leh in Richtung Markha-Valley. Das letzte Stück fährt er auf dem sogenannten „Zanskar Highway“. Die schmale Strasse führt dem Fluss Zanskar entlang, einem wichtigen Zufluss des Indus. In den 1970er-Jahren wurde mit dem Bau dieser 292 Kilometer langen Strasse durch die steile Zanskarschlucht begonnen. Falls die Strasse jemals fertig wird, wird sie die beiden Haupttäler Ladakhs, das Industal und das Zanskartal, verbinden. Wieviele Jahrzehnte die Arbeiten noch dauern werden, scheint offen. Im ersten Teilstück durchziehen tiefe Risse den Beton und Strassenränder brechen gegen den Zanskar ab. An einer Biegung schaufeln ausgemergelte Wanderarbeiter aus der indischen Ebene und aus Nepal Schutt weg, derweil kleine Kinder daneben stehen. Wir fahren vorbei und wirbeln Staub auf, der in ihre Poren dringt.

Ein Highway ohne Ende

Soll uns keiner mehr etwas von der unwandelbaren Majestät der Berge erzählen. Berge sind in ständiger Bewegung, selbst die höchsten der Welt. Der Himalaya wächst wegen der Plattentektonik noch immer und bröckelt zugleich. Ladakhs extremes Wüstenklima mit heissen Tagen und kalten Nächten, mit intensiver Sonneneinstrahlung, Wind und Niederschlagsmangel zersetzt das Gestein und trocknet unsere Haut aus, bis Blut aus der Nase läuft. Noch unlängst begangene Pfade reissen ab, in Führern verzeichnete Brücken sind weggeschwemmt. Eine Brücke verband das Markhavalley mit dem Zanskar Highway. Kaum gebaut, riss eine Flutkatastrophe im Jahr 2010 sie weg. Sie ragt nun aus den lehmgrauen Wassermassen heraus. Erst seit dem Frühjahr 2015 bringt ein Drahtzugseil mit Kiste Bewohner und Waren wieder ins Tal hinüber. Auch wir hangeln uns zur Einstimmung in den Trek eigenhändig am Seil ziehend über den reissenden Fluss.

Durchs Markha-Valley geht die meistbegangene Trekkingroute Ladakhs. Je nach Zustieg lässt sich die Route in vier bis sieben Tagen bewältigen. Da man in Privathäusern übernachten kann, ist die Länge der Etappen relativ frei gestaltbar und auf Zelt und Schlafsack kann verzichtet werden. Der Talverlauf ist klar. Verzweigen sich die Wege, geben frische Hufabdrücke, Eselsmist und andere Spuren Hinweise auf die aktuell begangene Route. Ladakh heisst wörtlich „Land der hohen Pässe“. Doch steht ein hoher Pass von knapp 5000 Metern erst am Ende des Trekkings bevor. Da die Dörfer stetig etwas höher liegen, hat der Körper Zeit zur Akklimatisation.

Die Brücke ins Markhavalley hatte den Bau einer Strasse bis nach Skiu, dem zweiten kleinen Ort im Tal, zur Folge. Deshalb verläuft ein Grossteil der ersten Tagesetappe auf Asphalt, dann auf einer Piste, bis die Strasse einfach aufhört und in Pfade übergeht, auf denen seit jeher Menschen und Karawanen unterwegs waren. Nicht die grossen Karawanen, die in Ladakhs Hauptort Leh, einem alten Handelsplatz zwischen Inner- und Vorderasien, hielten und Leh zu einem Treffpunkt der Kulturen machten, bevor die Grenzen zu Tibet und Pakistan geschlossen wurden und die alten Verbindungen abbrachen. Auf den Karawanenwegen im Markha-Valley transportieren Esel- und Pferdekarawanen keine exotischen Güter, sondern Waren für den Alltag. Lange Holzbalken, niedrige Tische, an die man sich zum Essen setzt, Abflussrohre, Lebensmittel und Metallgitter für Flussverbauungen.
Nicht selten führen die Wege Bewässerungskanälen entlang, die ein Leben in der Gebirgswüste erst ermöglichen. Ladakh ist extrem regenarm. Siedlungen, zurecht Oasen genannt, können nur dort entstehen, wo das Schmelzwasser der Gletscher in Kanälen zu den Feldern geleitet wird. Ladakhische Orte sind grüne Flecken aus Äckern, Pappeln und Weiden und weiss gestrichenen Häusern mit Flachdächern. In der kargen Landschaft erscheinen die Orte wie Realität gewordene Fata Morganen und Leben überhaupt als ein Wunder. Kein Wunder, werden Quellen verehrt. Wo sie aus dem Fels kommen, schmückt man die Weidenbäume mit farbigen Gebetsfahnen und langen weissen Schärpen. Trotz kurzen Sommern wachsen dank 300 Sonnentagen pro Jahr auf 3500 Metern Höhe und mehr in Gewächshäusern aus Lehm und Plastik vorgezogene Gemüse, sogar Tomaten. Neben Gerste bis auf 4500 Meter über Meer werden bis auf etwa 4000 Meter auch Weizen, Erbsen und Raps angebaut. Der zur Bestellung der Felder und zur Reinigung der Kanäle von Lehm nötige Arbeitsaufwand ist enorm, das Getreide von ungeheurem Wert. Es ermöglicht den Ladakhis seit Jahrhunderten ein autarkes Leben in den abgelegenen Tälern, die im Winter von der restlichen Zivilisation abgeschnitten sind.

Über Lebensbedingungen

In diesen lebensfeindlichen Konditionen wird jegliches Zeichen von Leben zu einer Oase in der Wüste und nimmt monumentale Bedeutung an. Die Kapernsträucher etwa. Jede Pflanze ein grüner Fleck im Geröll. Wie mit riesigen Spinnenbeinen breiten sie ihre Äste aus und öffnen ihre grossen weissen Blüten mit den filigranen Staubfäden gegen den blauen Himmel, als wäre dies nichts Besonderes. Doch normal ist hier nur der Stein. Fata Morganen gleich tauchen immer wieder üppige Rosenbüsche auf.  Wie Vulkane schiessen sie aus dem steinigen Boden empor, rosa blühende Feuerwerke. Die baumhohen Büsche bündeln unzählige dicht mit Dornen übersäte Ruten zu Stammesdicke, auf dass hier Schönheit explodiere und unseren Weg mit Rosenblättern übersät – Schönheit für einen Tag.

Weit weg von der Informationsflut werden die Dinge wieder real. Wir zählen jede Pflanze auf, jedes Tier, jede Veränderung der Landschaft. Wandern wird zur Bestandesaufnahme der Welt. Da gibt es orientalische Turteltauben, Hühnervögel rennen gackernd über Weiden, als könnten sie nicht fliegen. Zwei Raubvögel kreisen über dem Tal und verschränken sich in Loops. Scharen von Bergdohlen versammeln sich auf der Jagd nach Überresten an einem Zeltplatz. Stadttauben picken Körner aus dem Pferdemist. Auch die zahlreichen Elstern sind hier keine unbeachteten Stadtvögel. Jede einzelne hat ihr Solo, wenn sie mit der Elstern eigenen Elastizität, wie Jojos, durch die Gegend hüpfen. Ab und an wehen verwehte Schneeflocken und Graupel über uns hinweg, obwohl die Sonne scheint. Das Wetter sei ungewohnt unbeständig, hören wir immer wieder. Ein Mönch und sein Begleiter sind auf dem Weg zu einem Verstorbenen, um die Sterbezeremonien abzuhalten. Eine alte Frau mit Eseln und Kühen trägt das traditionelle Kleidungsstück aus Fell auf ihrem Rücken. Grosse Ziegen strecken ihre Vorderbeine an Tamarisken hoch und knabbern deren Äste ab. Am Fluss tönte ein regelmässiges Tac-tac aus einem Steinhaus. Ein Blick hinein zeigt eine Korn mahlende Mühle. Solche Eindrücke reihen sich über Stunden aneinander. Abends findet eine Rushhour statt, wenn Herden, mit Weidenästen beladene Esel und wenige Menschen ins Dorf zurückkehren.

Die Landschaft ist malerisch im eigentlichen Wortsinn. Das Gestein bildet Farbsinfonien, die von weinrot über türkisgrün zu allen Nuancen von beige und grau changieren. In der dünnen Luft zeichnet sich jedes Landschaftsdetail so scharf ab, als wäre die Landschaft eine Grafik. Selbst Schatten sind hier keine Weichzeichner. Wir wandern silbrig glänzenden stachligen Zäunen aus Sanddorn entlang. Gelbe Tupfer aus Stechginster und weiss getünchte Stupas am Wegrand, das sind buddhistische Symbole, setzen weitere farbliche Akzente. Zu den Schönheiten des Markhavalleys gehört der Wechsel zwischen Kulturlandschaft und Natur.

Runden gegen die Vergänglichkeit

Touristen haben seit gut zehn Jahren die Möglichkeit, in Privathäusern zu übernachten und erhalten so Einblick in traditionelle ladakhische Wohnkultur und Lebensbedingungen. Das im Jahr 2002 gestartete „homestay-programme“ verfolgt das Ziel, Einkommen für die lokale Bevölkerung mit nach ökologischen Zielen ausgerichtetem Tourismus zu schaffen. Man erhält Abendessen, Frühstück und ein Picknick für die Weiterreise. Im Weiler Sera etwa lernen wir so die beste Changmacherin aus Zanskar kennen. Chang heisst das ladakhische Bier. Es ist milchig gelb wie Pastis und schmeckt in etwa wie Buttermilch. Wir schlafen in Zimmern mit Decken aus geschälten weissen Weidenstangen. Als Sitz- und Schlafgelegenheit dienen Matratzen, auf denen tibetische Wollteppiche liegen. Davor stehen niedrige Tischchen zum Essen. An der Wand präsentieren prächtige Geschirrsammlungen mit riesigen Töpfen für Feste und neue Teesets in ihrer originalen Plastikverpackung die Ausstattung des Haushalts. Alle Türen stehen offen, ausser derjenigen zum Hausaltar. Die Erlebnisse sind einzigartig, auch wenn das Lokaltypische da und dort etwas in Vergessenheit gerät. Vielleicht wurde den Gastgebern auf ihren Weiterbildungen ja erzählt, dass Touristen nordindisches Essen aus Reis, Linsen und etwas Gemüse sowie Fladenbrot ladakhischen Berggerichten aus frischer Pasta vorziehen. Zum Frühstück müssen wir einen Brei aus Tsampa, gerösteter Gerste, ausdrücklich verlangen. Auch die ökologischen Ziele bröckeln. Das Picknick besteht aus in Alufolien eingewickelten Chapatis, bestrichen mit der unausweichlichen Vierfruchtkonfitüre und einem hartgekochten Ei aus Massentierhaltung in giftig wirkenden Farbtönen. Dazu kommt ein meist abgelaufener Schokoladenriegel sowie ein Fruchtsaft im Tetrapck. Nicht wenige Karawanen transportieren diese Fruchtsäfte und Schokoladen, ein Verschleiss von Ressourcen.

Wir folgen einem 82-jährigen Mann zum oberen Dorfteil von Hankar. Am Abend zuvor sass er in der Wohnzimmerecke und drehte unermüdlich seine Gebetsmühle. Nun geht er zum Tempel hoch und dreht dort eine mannshohe Gebetsmühle, um sein Karma zu verbessern. Gut möglich, dass er jeden Tag diese Runde dreht. Rituale und Runden gegen die Vergänglichkeit. Wir ziehen weiter zu den Sommerweiden von Nimaling auf 4700 Metern Höhe. Die Gegend ist überaus karg, von saftigen Wiesen keine Spur. Dafür finden wir uns beim Picknick unversehens von Pikas umzingelt. Sie leben wie Murmeltiere und sehen aus wie eine Mischung zwischen Maus und Hase. Dann erfolgt der Aufstieg zum Pass Gongmaru La und der Abstieg in ein anderes Tal. Ein letztes Mal wandern wir an Stupas und Manimauern vorbei, den omnipräsenten Wegbegleitern im buddhistischen Himalaya. Auf den Manimauern liegen Schieferplatten mit Gebeten und buddhistischen Symbolen. Ihre Donatoren sind anonym, die Gebetssteine liegen in keiner festgelegten Ordnung da. Dem harschen Klima ausgesetzt halten auch diese dünnen Schieferplatten nicht ewig. Wie die Ladakhis glauben, verteilt der Wind die Gebete auf den Platten übers Land. Bis sie unleserlich geworden zerfallen und – auch sie – irgendwann – bachab gehen.